Wunschtraum eierlegende Wollmilchsau

Thema: // Author: Arne Lotze
Nach der Lektüre von 50 Seiten (!) Kommentaren, die ich mir aus dem Spiegel online Forum ausgedruckt habe, wurde mir klar, dass – so sehr es dort unter den Diskutanten im Karton gerappelt hat – allein eines gemein ist: die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau. Die heißt dann wahlweise mal Gesetzliche Krankenversicherung, Private Krankenversicherung oder ganz neumodisch schick: Bürgerversicherung.Spiegel Forum

wollmilchsau

Ich will es in aller Offenheit vorwegnehmen, mein Ansinnen war zunächst Recht zu haben „Meine Güte, was ist das denn schon wieder für geballter Unsinn? Und warum glaubt jetzt dieser Kommentar-Urheber, dass er sich zum Experten aufschwingen muss, nur weil er auch mal beim Arzt war?“Aber.Das bringt nun überhaupt nicht voran. Außerdem haben Recht im Forum schon ganz viele Menschen gehabt, das würde dem Diskurs also performativ nichts Neues hinzufügen. Das Wichtigste ist aber vielleicht, dass ich allen Teilnehmern im Forum grundsätzliche Lösungsorientiertheit unterstellen mag. Dass man die nicht gleich mitliest, kommt so:

Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Propheten

Das ist eine verdammt komplexe Angelegenheit und um fundiert urteilen zu können, müsste man mindestens Wirtschaftswissenschaftler, Jurist – und jetzt kommt‘s: Prophet sein.

Einzelmeinungen, auf die ich mich im ersten Moment stürzen wollte, sind bestimmt faktisch alle richtig, sind am Ende aber nur symptomatisch für grundlegende systemische Herausforderungen. Ich beleuchte.

Am Anfang ist die Herausforderung vor allem eine der Demographie – hier muss man noch nicht einmal Prophet sein. Schon seit Jahren werden die Deutschen im Schnitt aber auch in der Spitze älter. Der Alterungsprozess ist also ein doppelter: 1. Es gibt immer mehr verhältnismäßig ältere Menschen – die alle jedes Jahr aufs Neue Geburtstag feiern. 2. Die Menschen, die alt sind, werden, dem medizinischen Fortschritt und den Annehmlichkeiten der heutigen Zeit sei Dank immer noch älter.

Siehe auch Prof. Raffelhüschen hier

Es ändert: nichts

Das heißt, dass GKV oder PKV oder auch diese famose Bürgerversicherung überhaupt keinen Unterschied macht. Es gibt schon jetzt zu wenige gut verdienende Menschen im besten Beitragszahleralter und es steht unumstößlich fest, dass sich das weiter verschlimmern wird. – Die Menschen, die vor 20 Jahren hätten geboren werden müssen, wurden es nämlich bereits nicht. Im Nachgang lässt sich daran überschaubar viel drehen. – Genau. Nichts.

Der Vorteil, den nun die PKV bietet, sind die im Forum viel diskutierten Alterungsrückstellungen. Im Gegensatz zur GKV, wo alles, was eingezahlt wird mit Steuersubventionen bezuschusst und sofort wieder ausgezahlt wird und wo demnach überhaupt kein Vermögensaufbau für düstere Stunden, die folgen mögen, passiert, wird hier also gespart. Mindestens 10% eines jeden Monatsbeitrages, mit Luft nach oben, so die Gesellschaft denn solide wirtschaftet. Wo auf der einen Seite also von der Hand ins Nasenspray gelebt wird, genießt man andererseits den Vorteil, dass vorgesorgt wird für den Moment in dem weniger schaffende Hände und mehr Nasen, die nach Spray verlangen, vorhanden sein werden.

Hinzu kommen medizinischer Fortschritt und Inflation. Egal, ob Heilbehandler von einer gesetzlichen oder privaten Kasse bezahlt werden, sie werden dafür in zehn Jahren mehr Geld verlangen als heute, was vollkommen in Ordnung ist. Schließlich werden sie auch höhere Mieten und mehr Geld für ihr Brot bezahlen. Zudem gibt es stetig medizinische Innovation und neue Hightech-Heilmethoden sind häufig teuer. Gerade die wollen alle aber im schlimmsten Krankheitsfalle aber gerne nutzen.

Wie geht man nun im Versicherungssystem damit um?

Krankenversicherung wird teurer

GKV wie PKV werden teurer. Ja, beide.

Die GKV hat drei Stellschrauben, die PKV nur eine.

Erstere kann:

  • den Beitragssatz erhöhen.
  • die Beitragsbemessungsgrenze erhöhen.
  • Leistungen streichen oder Zuzahlungen einführen.

Das hat unter dem Strich jährlich zu 3,50% Mehrbeitrag bei stetig schlechterem Leistungsniveau geführt, so man denn in Regionen der Bemessungsgrenze verdient. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch; in den Siebziger Jahren wurden erstmals die Leistungen für Zahnersatz auf damals 80% (!)gekürzt, in den 80ern dann auf 60% und ab 1989 nur noch mit gepflegtem Bonusheft 50%+10%. 1997 wurde der prozentuale Zuschuss dann völlig über den Haufen geworfen und seither haben wir das Vergnügen mit Festzuschüssen.

Die PKV stellt lediglich hier:

  • am Beitrag.

Verträge müssen eingehalten werden

Das liegt daran, das die PKV nicht interessiert, was man verdient, sondern welches Risiko der eigene Gesundheitszustand und das Alter man darstellt und welche Leistungen man vertraglich zugesichert haben möchte. Leistungskürzungen sind gemäß „pacta sunt servanda“ ausgeschlossen.

Das liest sich soweit ja sehr positiv. Ist es auch. Wäre der Markt mit unzählbaren Tarifkombinationen von Seiten nicht immer wirtschaftlich stabiler Gesellschaften nicht so unübersichtlich. Daher der große Unmut bis hin zur Wut gesteigert, die in vielen Forumsbeiträgen zu lesen sind.

Hier käme also der Wirtschaftswissenschaftler ins Spiel, der Bilanzen studiert und der Jurist, der die Versicherungsbedingungen auf Lücken überprüft.

Stattdessen trifft man auf Vergleichsrechner im Internet, die naturgemäß nicht beraten und die Unzufriedenheit des etwaig zukünftig privat Versicherten vorprogrammieren und auf viele Berater, die Verkäufer sind und mehr Produkte präsentieren als dass sie die für den Kunden passende und von Wirtschaftswissenschaftlern wie Juristen gewissenhaft geprüfte Lösungen suchen. Das wäre übrigens auch der eigenen Berater-Qualifikation überaus zuträglich, denn wie die alten Römer uns lehren: Docendo discimus. Durch das Lehren lernen wir.

Mein Prophet ist gerade im Urlaub. So kann ich leider Voraussagen treffen, die unbedingt kongruent sein werden, mit dem, was sich ereignen wird.

Schlaglichtartig möchte ich aber unsere gesamtgesellschaftliche demographische Herausforderung unterstreichen, ich möchte zu bedenken geben, dass Alterungsrückstellungen zu bilden mir durchaus sinnvoll erscheint – und, dass ich das Solidarsystem für zutiefst unsolidarisch halte. Aber davon war an anderer Stelle bereits zu lesen:

Unsolidarische GKV

Am Ende ist unsere Gesundheit sicher alle Aufregung und allen Aufwand wert. Ich freue mich daher vor allem, dass sie so ausgesprochen rege diskutiert wird. Weitermachen!

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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