Nie mehr Journalismus zweiter Klasse

Thema: // Author: Arne Lotze

Der ZEIT gehen die erstklassigen Journalisten aus.

Anders kann jedenfalls ich mir nicht erklären, warum zweitklassige Artikel sich über zwei Seiten (!) erstrecken – die dann immerhin mit ungewollter Selbstironie die „zweite Klasse“ auch im Titel tragen. Kurz habe ich darüber nachgedacht, das einem 1. April oder einer Reminiszenz an Charles Dickens‘ A christmas carol  zuzuschreiben; dort bezeichnet Scrooge das frohe Weihnachtsgeschehen schließlich nachdrücklich mit: „Humbug! Humbug, I say!“
Erschreckenderweise wird Elisabeth Niejahr unter Mitarbeit von Katja Scherer das ernst gemeint haben.

Auf eigene Gefahr nochmal nachzulesen hier:

Foto

Nie mehr zweite Klasse

In der ZEIT: Auch ne Meinung

Ich fasse zusammen: Das private Krankenversicherungssystem wird beerdigt und weil man ja viel behaupten kann, wird das belegt mit einer Hand voll Einzelschicksale, die auch eine Meinung dazu haben. Gewissermaßen ist die BILD der ZEIT hier also einmal voraus. Immerhin wird man dort dazu aufgerufen, sich seine Meinung selbst zu bilden.

Ich übertreibe natürlich. Das ist aber durchaus performativ als Antwort auf das hohe Maß an Unfug zu verstehen, den sich Elisabeth Niejahr überlegt hat.

Ich nehme den Knackpunkt vorweg: Frau Niejahr macht sich Gedanken über ein systemisches Thema, ohne das System durchblickt zu haben und schließt dann vom Einzelnen auf das Allgemeine. Das wäre analog einer Gruppe von Außerirdischen, die auf der Erde landet und sich überlegt, ob es hier wohl lebenswert ist. Blöderweise landen sie mitten im August in Indien – zur Monsunzeit also. Nach zwei Wochen geregneten Hunden und Katzen ziehen sie enttäuscht wieder ab: Auf dem Planeten schüttet es ja überall und immer wie aus Eimern. Indessen liegt der Urheber dieses Blogs in Andalusien am Strand und freut sich des fabelhaften Wetters.

Nicht haltbar ist allein schon die Auswahl der Einzelschicksale – zumindest dann, wenn man seriösen Journalismus betreiben möchte. Es fallen die Namen von vier Versicherern, die ich aus unterschiedlichen Gründen im Leben nicht vermitteln würde: DKV, Debeka, Allianz und Central. Willkommen im Monsun der privaten Krankenversicherung. Das Pendant dazu wäre zu jammern, wie fürchterlich unwirtschaftlich alle gesetzlichen Krankenversicherer wirtschaften – denn die City BKK ist ja insolvent.

Im weiteren berichtet eine Melanie Taprogge, dass sie gerne für einen höheren Beitrag schlechtere Leistungen hätte, indem sie sich gesetzlich versichert – was in ihrem Fall aber nicht funktioniert. Verstehe ich nicht. Am Ende wird das damit zu tun haben, dass Frau Taprogge Zusammenhänge ihrerseits nicht versteht – und daran trägt dann zuallererst die Beraterzunft Schuld.

Wettbewerb ohne Wettbewerb

Das nächste Highlight: Es gebe mehr Wettbewerb zwischen gesetzlichen Kassen als zwischen den privaten, weil man einfacher wechseln könne. Klar, immerhin hat man die Wahl zwischen Leistungen gemäß SGB V und Leistungen gemäß SGB V. „Aber das ist ja das gleiche?!“ – „Genau.“

Liebe Frau Niejahr, Wettbewerb kann es doch nur geben, wo große Unterschiede gegeben sind. In Anbetracht eines Einheitsbeitrages, auf den dann höchstens noch zu vermeidende Zusatzbeiträge erhoben werden und Leistungen, die sich höchstens darin unterscheiden, ob eine Erstberatung beim Heilpraktiker bezahlt wird oder ein Zuschuss fürs Fitnesstudio gezahlt wird, frage ich mich, wie dort Wettbewerb herrschen soll?

Dann: Frau Englebert, die fast vierzig Jahre Bankkauffrau gewesen ist und so wenig für‘s Alter vorgesorgt hat, dass sie ihren Krankenversicherungsbeitrag nicht bezahlen kann. Das ist natürlich eine unangenehme Situation – an der Frau Englebert aber nicht ganz unschuldig ist. Wer so lange privat versichert war, hat über die Zeit gegenüber der gesetzlichen Krankenversicherung tausende von D-Mark/Euro an Beitrag gespart. Wer das dann alles ausgibt und noch nicht einmal als Bankkauffrau auf die Idee kommt, dass man Altersvorsorgeprodukte nicht nur verkaufen sondern auch selbst besparen könnte, schmiedet sich sein Unglück selbst.

All dies ließe sich ewig fortführen. Einen Punkt habe ich aber noch. Der ist richtig weltklasse! Eine Grafik, gemäß der die Privatkassen teuer sind, weil die Beitragseinnahmen von 2000 bis 2010 um 67% gestiegen sind, während das in der gesetzlichen Krankenversicherung nur um 20% geschehen ist. Das grenzt ja an statistische Legasthenie. Offenbar ist Frau Niejahr nicht auf die Idee gekommen, dass höhere Einnahmen allein dadurch gekommen sein können, dass sich mehr Versicherte für die PKV entschieden haben?

Ein Blick auf die beiden Systeme in der Krankenversicherung

Ich nehme an, es ist klar geworden, dass ich mir Artikel in der ZEIT zum Thema Krankenversicherungssysteme noch hochwertiger wünschen würde. Ich möchte aber auch den Dienst leisten, den Frau Niejahr schuldig geblieben ist: einen kurzen Blick auf das Systemische.

  1. Das System GKV ist ein Umlagesystem, bei dem keinerlei Rücklagen gebildet werden – bei gleichzeitig steigenden Ausgaben, das schon seit Jahren nur durch Quersubventionierung durch Steuergelder am Leben erhalten wird. Perspektive: Dunkelgrau bis hellschwarz.
  2. Das System PKV ist hingegen seit Jahren verpflichtet, Rücklagen für‘s Alter der Versicherten zu bilden. Ende 2010 waren das 156.985.400.000 €. Perspektivisch stehen wir also bei 156.985.400.000 zu 0.
  3. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass schon seit Jahren mehr Versicherte von der GKV in die PKV wechseln als anders herum: 2010: 74.500; 2009: 141.700; 2008: 93.900; 2007: 79.000; 2006: 140.800.
  4. Unbestritten ist, dass es schlechte Tarife für privat Versicherte gibt. Unbestritten ist auch, dass es Einzelfälle gibt, die zurecht unglücklich sind, privat versichert zu sein.
  5. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, dass das private Krankenversicherungssystem seine Hausaufgaben für die Zukunft weit besser gemacht hat und das tastet vor allem private Krankenversicherer nicht an, die schon seit zehn Jahren mit guten Leistungen, moderater Beitragsentwicklung und hohen Mittelzuflüssen in die Rücklagen für das Rentenalter ihrer Versicherten zeigen, dass es auch anders geht.
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