Krankenversicherung und die Kartoffel

Thema: // Author: Arne Lotze

Dass die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung nicht mehr sind, was sie mal waren, könnte man auch an an der Entwicklung der Kartoffel in Deutschland ablesen.

Als die Kartoffel Anfang des 18. Jahrhunderts ihre Erfolgsgeschichte in Europa begann, war sie zunächst das, was die gesetzliche Krankenversicherung bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts geboten hat: Luxus. Kartoffel wie Krankenversicherung zeitigten Erfolge und so kam es, dass die Kartoffel bald weit verbreitet war – und die Lebenserwartung in Deutschland nicht zuletzt aufgrund des exzellenten Heilversorgungsniveaus fröhlich stieg.

Nun hat die Kartoffel einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Krankenversicherungssystem: Kartoffeln können heutzutage in großen Mengen und verschiedenen Formen gelagert werden. Für schlechte Zeiten – man denke an die Kartoffelfäule und die Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert. In der Krankenversicherung hingegen verhält es sich so: Die einen haben ganz viele Kartoffeln, brauchen sie aber gar nicht. Das trifft sich gut. Dann können die Kartoffeln nämlich an Menschen verteilt werden, die keine Kartoffeln oder nur einen Rest Kartoffelchips haben.

Blöd ist das jetzt in zweierlei Hinsicht: Erstens reichen die Kartoffeln schon seit den 70er Jahren nicht mehr für alle und zweitens sieht es insbesondere in zwanzig bis dreißig Jahren zappenduster aus. Dann wollen all diejenigen, die jetzt solidarisch ihre Kartoffeln abgeben nämlich, dass andere es so tun wie sie heute. Von den anderen gibt es aber zu wenige. Deshalb bekommt man die Kartoffeln schon seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr ohne Zuzahlungen und Eigenleistungen und manche Kartoffelsorten sind inzwischen auch ausgeschlossen. Die kann man zwar bekommen, muss man aber auf dem Markt selbst kaufen.

Das ist im Grunde so wie in einer Pommesbude im Freibad. Erst kostet die Schale Pommes 2 DM, dann 3 € und irgendwann werden dann die Schalen kleiner weil der Pommesbudenbesitz merkt, dass er seine Preise nicht in den Himmel erhöhen kann. Dann verkauft er eben für den gleichen Preis weniger Kartoffelstäbchen.

Im Falle der Krankenversicherung muss man sich vor Augen führen, dass es erst seit den 70er Jahren überhaupt gekürzte Zuschüsse für Zahnersatz gibt: Begrenzung auf 80%. Man bekommt heute zwar höherwertigen Zahnersatz, mehr als 80% Erstattung für Zahnersatz zu bekommen ist aber selbst für privat Versicherte nicht einfach.

Außerdem gab es eine Zuzahlung von nur 2 DM für Brillen. „Those were the days.“

Rentner-Kartoffel All-you-can-eat

In den 80er Jahren gab es mit einem Mal nur noch 60% Zahnersatz. Und Rentner mussten erstmal 1983 Beiträge in die Krankenversicherung bezahlen. Wo heute mehr und mehr – sogar in der BILD – die Angst vor nicht ausreichender Krankenversorgung im Alter grassiert, gab es vor dreißig Jahren gewissermaßen noch Rentner-Kartoffel All-you-can-eat.

Massagen und Bäder sind erst seit 1992 aus dem Heilmittelkatalog der GKV ausgeschlossen. Damals konnte man sich wahrlich noch satt essen.

Allein, die Chronik der GKV-Leistungskürzungen, Eigenleistungen und Zuzahlungen in der GKV umfasst nicht umsonst 10 Seiten.

Chronik der GKV-Leistungskürzungen – 30 Jahre

Inzwischen gibt es längst: Nur Festzuschüsse bei der Zahnbehandlung, Zuzahlung zu Arzneimitteln, Eigenbeteiligung im Krankenhaus, Praxisgebühr, das Sterbegeld wurde komplett gestrichen und Brillen gibt es nur in besonders schweren Fällen.

Wirtschaftlichkeitsgebot

Zusammengefasst steht das in
§12 SGB V: „Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein, sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.“

Das liest sich für mich jedes Mal aufs Neue wie „Zum Sterben zu viel zum Leben zu wenig.“

Insofern sind die sog. Wahrheiten aus der BILD in der Tat bitter bzw. weisen auf faule Kartoffeln hin.

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Wenn wir ohnehin einen Mangel an Solanum tuberosum haben, ist umso bedauerlicher, dass jedes Jahr mehr ausgegeben wird. Das wird auch daran liegen, dass jeder Deutsche im Schnitt 18 Mal zum Arzt geht – die Kartoffeln für 18 Arztbesuche müssen erstmal gesät und geerntet werden. Zumal Ärzte davon nicht unbedingt was haben. Die bekommen einen Festbetrag pro Patient und verdienen hinterher erst im nächsten Quartal wieder was an ihm. Kein Wunder also, dass sie unter Umständen schnell damit sind, die Kartoffelküche in der nächsten Klinik zu empfehlen. Mit am bedauerlichsten ist der Hinweis darauf, dass Ärzte mitunter bis 80% ihrer Arbeitszeit mit Bürokratie und Administration zubringen. – Die sollten im Idealfall doch Kartoffeln unter‘s Volk bringen und nicht in Katalogen Artikelnummern von Erntemaschinenersatzteilen blättern.

Quo vadis Gesetzliche Krankenversicherung? Man weiß es nicht. Eine Richtungs- oder Tempowechsel wäre aber eine super Idee. In zu weiter Ferne sind die Zeiten Heinrich Heines:
„Luther erschütterte Deutschland – aber Franz Drake beruhigte uns wieder: Er gab uns die Kartoffel.“

Kartoffel

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