Krankenversicherung: Damit Du losgebunden

Thema: // Author: Arne Lotze

… frei erfahrest, wie es sei, freiwillig gesetzlich krankenversichert zu sein.

Frei zitiertes Leben hört ja nun glücklicherweise mit dem Erreichen des Rentenalters nicht auf. Des weiteren ist auch das Erleben von Überraschungen – durchaus in Verbindung mit der Freiheit – nicht an seinem Ende angelangt.

Freiwillig gesetzlich Versicherte

Mal angenommen, man hat sich losgebunden, frei, dafür entschieden, weiter an das gesetzliche Krankenversicherungssystem gebunden sein zu wollen. Das trifft zu auf alle so genannten „freiwillig gesetzlich Krankenversicherten“. Also: gesetzlich versicherte Selbstständige und Angestellte, die 2015 über 54.900 € Jahresbrutto aus  regelmäßigen Einkünften verdient haben werden, respektive 2016 mit einem Jahresbrutto von über 56.250 € einsteigen.
Wir wollen der Einfachheit halber bei den gut verdienenden Angestellten bleiben – die zudem besser in das Kalkül des Verfassers passen. 
Sei es aus Desinteresse, Faulheit, Uninformiertheit oder aus gutem Grund treffen viele von ihnen die Wahl entweder, indem sie keine Wahl treffen und „einfach alles so lassen wie es ist“ – schließlich hat ein „das war schon immer so“ gute deutsche Tradition –, oder tatsächlich aktiv die Wahl, am irgendwo zwischen wunderbar und wundersam oszillierenden gesetzlichen Krankenversicherungssystem teilhaben zu wollen.
Zumal eingedenk zweier Fakten, die nicht zu vernachlässigen sind: 1. private Krankenversicherer müssen nicht jeden Interessenten, ungeachtet des Gesundheitszustandes annehmen. Sie können also ablehnen, oder aber Zuschläge in beachtlicher Höhe verlangen. Und 2. Kinder sind in der gesetzlichen Krankenversicherung häufig beitragsfrei mitversichert.
Aber fliegenden Schrittes hin zur Überraschung. Unser Angestellter verdient also mindestens um die 55.000 € Jahresbrutto und wird zeit seines Erwerbslebens wohl die ein oder andere Gehaltssteigerung erleben. Wer in der Wahl der eigenen Krankenversicherung auf vermeintlich Solides, Etabliertes setzt, tut dies womöglich auch in puncto Geldanlage – unser Angestellter kauft und vermietet ein Haus. Außerdem hat er, im Rentenalter angelangt, Zinseinkünfte von 4.000 € p.a. aus 100.000 €, die er in Bundesschatzbriefen (Typ A) angelegt hat.
Unser Angestellter wird unser Rentner.
Aus einer Rententabelle ist näherungsweise zu entnehmen, dass er im Alter von 67 Jahren 1.400 € gesetzliche Rente erhalten wird. Hinzu kommen, sagen wir 1.000 € mtl. aus Vermietung und Verpachtung und 300 € mtl. aus den Bundesschatzbriefen.

2.700 € Liquidität?

In Summe: 2.700 €. Das liest sich vergleichsweise hervorragend.

Überraschung!

894-ueberraschung

Unser Rentner stellt fest: Als jemand, der in der 2. Lebenshälfte nicht 90% des Erwerbslebens sozialversicherungspflichtig war, muss er den vollen Beitragssatz auf und aus seiner Altersrente der deutschen Rentenversicherung Bund selbst bezahlen: derzeit 15,4% + 2,35% Pflegeversicherung. Sagen wir der Einfachheit halber also: 17%. So bleiben von 1.400 € Rente nur noch 1.197 €.
In Summe also: 2.497 €. Richtig?
Falsch.
Unser ehemals freiwillig krankenversicherter Angestellter wird auch zur Kasse gebeten was folgende Einkunftsarten angeht:
–    Arbeitsentgelt einer abhängigen Beschäftigung.
–    Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. (hier nur 14,8% + 2,35% Pflege)
–    Kapitalerträge vor Abzug des Sparerpauschbetrages. (hier nur 14,8% + 2,35% Pflege)
–    Renten aus Pensionskassen.

Nein, sondern 2.308 €

Richtig ist also: 2.700 € / 1,17 = 2.308 €.

Und das sind übrigens 2.308 € Brutto, also vor Steuern. Bei Jahreseinkünften von 27.696 € sind das Stand 2015 5.110 €. Macht mtl. verfügbare 1.882 €. Und somit fast 1.000 € weniger als unser Rentner gedacht hätte.

Ob unser Angestellter Schrägstrich Rentner das wusste, als er sich ca. 40 Jahre zuvor entschieden oder auch nicht entschieden hat, freiwillig gesetzlich versichert zu sein? Wahrscheinlich nicht. Sagt einem ja auch keiner.
Aber: Irgendwie müssen die Löcher im Solidarsystem ja gestopft werden. Und was ist für einen Rentner schon knapp ein Fünftel weniger Liquidität?
Nun, man könnte behaupten: ein Fünftel weniger Lebensqualität, ein Fünftel weniger losgebunden, frei, mit dem Lebensabend das anfangen können, was auch immer man gerne möchte.
Vielleicht will unser Rentner aber auch gar nicht in die Karibik sondern begnügt sich gerne in faustischer Tradition damit, in nicht ganz so warmen, heimeligen Studierzimmern darauf zu warten, dass „vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“

GoetheFaustTeil1und2SC

Stand: 23.10.2015 / GKV Beiträge gemäß Techniker Krankenkasse

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
Dann melde Dich: per Mail beratung@finanzdiskurs.de oder Telefon +49 178 3484412

Das könnte dich auch interessieren

  1. Zu-Grabe-Tragen der Krankenversicherung

    Was ist das Zu-Grabe-Tragen der Krankenversicherung gegen das Am-Leben-Erhalten der Krankenversicherung?

  2. Riester: Ausreden? 15 Minuten?

    Darum geht’s: Das Sparen für’s Alter ist ein wichtiges Thema – für das man sich Zeit

  3. Flugente oder Gummiente?

    Poletto: Geldanlage à la Flugente Frau Poletto konzentriert sich also ganz auf die Entscheidungsfindung,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.