Die Chefarztbehandlung ist tot

Thema: // Author: Arne Lotze

Gott Ist Tot Nietzsche by ashiunxslick

Das ist so faktisch natürlich nicht richtig. Es gibt selbstverständlich weiterhin Behandlungen durch einen Chefarzt und es gibt ebenso selbstverständlich private Krankenvollversicherungen wie auch Krankenzusatzversicherungen, die die entstehenden Kosten übernehmen.

Was es hingegen nicht gibt, ist eine Versicherung, zu deren Leistungen die Chefarztbehandlung gehört.

So kommt es, dass Ina Kirsch ihre Ausführungen in der ZEIT am 27. Oktober denkbar ungünstig beginnt, wenn sie überschreibt: „Bitte den Chefarzt“.

Ina Kirsch: Bitte den Chefarzt

Freie Arztwahl

Was Frau Kirsch meint, ist die „freie Arztwahl“ bzw. die „Behandlung durch den Privatarzt“. Beides ist zutreffender, allein schon in Anbetracht einer nicht geringen Anzahl von Krankenversicherten, die explizit nicht durch einen Chefarzt sondern lieber von einem Oberarzt operiert werden möchten, weil ihnen beim Wort „Chefarzt“ ein Mann vor Augen steht, der mehr selbst am Stock geht, als dass er ihnen in aller Routine dabei hilft, keine Gehhilfe zu benötigen. Ob das zutreffend ist, weiß ich nicht. Ich habe das nie geprüft. Muss ich aber auch gar nicht. Schließlich darf man sich einen Chefarzt im besten Operateursalter genauso frei wählen, wie jeden anderen Arzt.

Rechtlich sieht das so aus, dass man als Patient die freie Wahl zwischen allen Ärzten hat, die im jeweiligen Krankenhaus für eine entsprechende OP in Frage kommen. Mit der oder dem Erwählten kommt es dann zum Schließen eines privaten Behandlungsvertrages, innerhalb dessen der Patient nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandelt wird. Und zwar ausschließlich von diesem Arzt. Das ist ein gesundheitlicher Vorteil, der die Behandlung durch einen Chefarzt einschließt, sie aber keineswegs erzwingt.

Und andere Missverständnisse

Einer Reihe von Frau Kirschs Kernaussagen stimme ich jedoch durchaus zu.

Dringend notwendige Zusatzleistungen im Gesundheitsbereich sind unbedingt wichtig genug, um dem einen Artikel zu widmen.

Das, was man für sein Geld bekommt, zu verstehen, ist für den Laien unmöglich. Anders als im Sachversicherungsbereich, wo man Auto, privates Haftungsrisiko oder Hausrat noch einigermaßen mit kostenlosen Vergleichsrechnern gelöst bekommt, rate ich entschieden davon ab, so auch vorzugehen, wenn es in den Tarifdschungel der privaten Krankenzusatzversicherungen und Krankenvollversicherungen geht. Dafür gibt es Menschen mit Expertenwissen.

Eine große Anzahl von Verträgen könnten Versicherte sich in der Tat sparen. Vieles wirkt auf den ersten Blick prima, wird auf den zweiten Blick nicht verstanden und das böse Erwachen kommt dann erst mit dem nächsten ersten Blick. Dem auf die erste große Rechnung.

Wenn richtig festgestellt wurde, dass das eine komplexe Angelegenheit ist, täte Frau Kirsch gut daran, nicht zu versuchen im Vorbeigehen systemisch zu klären, ob und wann sich eine gesetzliche Krankenversicherung mit Zusatzversicherungen lohnt und wann die private Krankenvollversicherung.

Insbesondere das Fallbeispiel mit einem 32-jährigen Selbständigen ist so wie angeführt Unsinn. Hier werden ein angenommener Beitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung mit Zusatzversicherungen einem privaten Krankenvollversicherungstarif gegenübergestellt – der nicht 400 € und nicht 420 € kostet, sondern genau 419 €.

Einmal mehr, so einfach ist das nicht. Mein Ansinnen wäre hier lieber gar nichts zu schreiben, als der Realität Gewalt anzutun. Und das passiert, wenn man das Fahren eines eigenen Autos mit dem Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel inklusive Taxi vergleicht. Müsste man dazu nicht auch beschreiben, was für ein Auto? Polo oder Porsche? Mit welcher Schadenfreiheitsklasse versichert? Ist Verschleiß mit eingerechnet? Und wie oft wird das Taxi genutzt? Entstehen irgendwo Opportunitätskosten? Usw. ad nauseam.

Ich fasse zusammen: Ich begrüße, dass zu einem wichtigen Thema ein Artikel geschrieben wurde. Zuteilen ist er gelungen, zum Teil verfehlt er das Ziel vollkommen, vor allem, weil zu viel gewollt wird. Vielleicht war Frau Kirsch aber vertraglich auch einfach an die Behandlung durch den Chef gebunden. Durch den -redakteur, nicht den -arzt.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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