Berufsunfähigkeit: Alles gesagt

Thema: // Author: Arne Lotze

„Und das ist alles, was ich dazu zu sagen habe“

Forrest Gump schreibt sich nicht zufällig in den Titel ein. In der Tat ist die Meinungslage, zumal unter Experten, zum Thema Berufsunfähigkeit eindeutig.

Das ist so, weil über den Sinn einer solchen Versicherung kaum diskutiert werden muss. Wenn diskutiert wird, dann mehr um der Freude am Diskutieren wegen; darauf wird später noch die Sprache kommen.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung (im Folgenden: BU) trifft nämlich den Kern des Versicherungsgedankens: Man erkennt ein Risiko und stellt fest, dass es zu groß ist, um es selbst zu tragen. Deswegen sucht man sich eine Gemeinschaft, die hilft, wenn der Risikofall eingetreten ist. Bei einer Versicherung heißt die Gemeinschaft „Versichertenkollektiv“.

Das Risiko Berufsunfähigkeit

Bezogen auf die BU besteht das Risiko darin, dass irgendein Fall eintreten könnte, der einen daran hindert, den Lebensunterhalt aus eigener Arbeitsleistung zu verdienen. Das geht von unplanbar eintretenden Krebserkrankungen über Unfälle und Sportverletzungen bis hin zu den zwei größten Ursachen: psychische Erkrankungen und ein Bewegungsapparat, der nicht mehr so will, wie man selbst gerne möchte – Stichwort Schreibtischtäter im einen Extrem und schwer schuftender Handwerker im anderen. Dabei kann Krankheit durchaus auch ein Grund für eine Kündigung sein, wenn die Weiterbeschäftigung für den Arbeitgeber wirtschaftlich nicht zumutbar ist. Siehe dazu eine Artikel auf der Kanzlei Hensche.

Abgesichert werden soll also nicht weniger als der durch eigene Arbeit geschaffene Lebensstandard.

Kurzum: Das Risiko ist groß, das Niveau der gesetzlichen Absicherung überschaubar bis ungenügend und wer nicht gerade aus vermögendem Hause kommt, braucht eine BU.

Vorausgesetzt er bekommt sie. Bevor man das Risiko an die Gemeinschaft abgibt, wird nämlich sinnvollerweise geprüft, wie groß das Risiko denn ist, das gemeinschaftlich getragen werden soll. Ca. 200.000 Anträge auf BU-Schutz werden jährlich abgelehnt, weil gesundheitliche Vorschäden vorhanden sind, die vom Kollektiv entweder nicht getragen werden können – oder einen Risikozuschlag in phantastischer Höhe zur Folge hätten. So bedauerlich eine Ablehnung im Einzelfall ist, so sinnvoll ist es doch, die Gemeinschaft zu schützen.

Das Niveau gesetzlicher Absicherung

Ein Wort nur zur gesetzlichen Absicherung, um deutlich zu machen, dass wirklich jeder selbst für seinen Lebensstandard verantwortlich ist. Mir liegt ein Ablehnungsbescheid der Landesversicherungsanstalt Sachsen-Anhalt vor. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen waren:

Durchblutungsstörungen am Hals und in den Beinen mit Operation, Herzerkrankung mit Zustand nach 2 Herzinfarkten und Operation, Zuckerkrankheit mit beginnender Nervenschädigung.

Zugesprochen wurden in Euro: Null. Und das, obwohl der Beantragende sogar noch vor 1961 geboren ist und einen etwas besseren Schutz hätte – so er denn nur greifen würde.

Ich gehe also begründet vollkommen mit dem ersten BU-Irrtum aus der Süddeutschen d‘accord: 1. Ich bin doch geschützt. Nein.

7 Irrtümer

Süddeutsche: BU Sieben Irrtümer

Besonders interessant auch: 3. Die Police ist zu teuer. Gefühlt trifft das auf den ein oder anderen bestimmt zu, aber mal im Ernst. Der einzige, der Geld fühlen kann, ist Dagobert Duck. Der schwimmt schließlich ganz physisch darin. Allen Menschen ohne Geldspeicher und Entenschnabel sei anempfohlen, einfach mal zu rechnen. Die Rechnung ist einfach. Man rechne den monatlichen Beitrag mal 12 und mal die Anzahl der Jahre, die man abgesichert ist. Ja, da kommt ein bisschen was zusammen. Im nächsten Schritt teile man diese Zahl durch die Höhe der Rente, die abgesichert ist. Das Ergebnis ist die Anzahl der Renten, die man bekommen müsste, damit die Versicherung sich „gelohnt“ hat. Auch, wenn es in dem Zusammenhang unstreitbar makaber ist, von „lohnen“ zu sprechen. Man wird feststellen, dass Versicherer einem gar nicht das Szenario anbieten, eine Versicherung für den Fall abzuschließen, dass man mit 30 Jahren berufsunfähig wird und bis zum Alter von 67 Jahren Rente bezieht.

Vielmehr liegt die Anzahl der BU-Monate bei den meisten Fällen, die ich durchrechne bei 10 bis 13. Das Szenario ist also viel mehr: Man schließt mit 25 Jahren einen Vertrag ab und gibt das Risiko ans Kollektiv ab. Mit 55 Jahren wird man krank und ist berufsunfähig. Man geht in die Reha, macht eine Umschulung und arbeitet nach drei Jahren in einem neuen Beruf. Auch dann war der Deal ein guter.

Der Süddeutsche Irrtum Nr. 4 „Mich erwischt es nicht“ ist selbstredend völlig indiskutabel. Ich selbst bin ein lebensbejahendes, sportliches Kerlchen. Trotzdem kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob das die nächsten 37 Jahre so bleibt.

Gerne genommen ist auch Irrtum Nr. 5: Die Versicherung zahlt nicht. In guten Bedingungswerken ist sehr eindeutig definiert, was passieren muss, damit man als berufsunfähig gilt. Sobald das der Fall ist, zahlt der Versicherer. Nach Gesprächen mit Leistungsprüfern, kann ich sagen: Das sind lösungsorientiert arbeitende Leute. Wenn jemand eindeutig BU ist, bekommt er auch schnell eine Anerkenntnis.

Achtung! Hier verlassen wir allerdings Forrest Gumps Tanzbereich, um es mit Dirty Dancing zu sagen. Es mag Versicherungssparten geben, die man als Endverbraucher mit kostenlosen Vergleichsrechnern aus dem Netz ordentlich selbst beackern kann. Die Berufsunfähigkeitsversicherung gehört nicht dazu. Gerade weil das Risiko groß und die Absicherung wichtig ist, ab hier bitte nur mit unabhängigem Experten weiter.

Wat is en Makler? bzw. Gut beraten.

Sparen kann man sich allerdings, die Debatte zu verfolgen, die der Artikel in der Süddeutschen nach sich gezogen hat.

Unfug auf den NachDenkSeiten

NachDenkSeiten: Versicherungs-PR in der Süddeutschen

Löblich ist zwar, dass die Süddeutsche sich dem stellt. Mein Verständnis hätte sie aber, wenn sie nicht auf das kreischende Kind reagiert, dem der Lutscher weggenommen wurde. Der rechthaberische Duktus fängt bei den „NachDenkSeiten“ schon im Titel an: „Die kritische Website“. Mit dem Attribut „kritisch“ adelt sich ohnehin gerne, wer das Bedürfnis hat, zu gelten – und vor allem keine konstruktiven, eigenen Vorschläge zu machen hat.

Im Beitrag wird dann gerügt, dass vollkommen irreführend ist, dass jeder eine BU braucht. Da gebe es schließlich Hartz-IV-Empfänger und Menschen im Niedriglohnsektor.

Genau. Menschen die auf den Mond ausgewandert sind, brauchen wahrscheinlich auch keine BU. Ist ja alles richtig – aber inwiefern ist das jetzt Kritik am Artikel in der Süddeutschen?

Weiter geht es damit, dass Menschen mit gefährlichen Berufen, beispielsweise Dachdecker, hohe Prämien zahlen müssen. Ich halte das durchaus für bedauerlich für den Dachdecker – aber für in aller Offenheit auch für verantwortungsvolles Kalkulieren im Sinne der Versichertengemeinschaft.

Rechenbeispiel Dachdecker

Schön in dem Fall auch das Rechenbeispiel: Ein Dachdecker müsse ca. 400 € im Monat zahlen um 3.000 € Rente abzusichern. Zunächst: Welcher Dachdecker möchte 3.000 € absichern? Und selbst darüber würde ich als Dachdecker, der 3.000 € verdient, mal nachdenken gemäß Wirtschaftlichkeitsrechnung: 400 € x 12 Monate x 40 Jahre = 192.000 € geteilt durch 3.000 € mtl. Rente = 64. Wäre ebendieser Dachdecker also irgendwann zwischen dem Alter von 25 und 65 Jahren 5 Jahre und vier Monate berufsunfähig – was ich bei einem körperlich anspruchsvollen Beruf nicht für unwahrscheinlich halte, hätte sich die Absicherung „gelohnt“.

Der nächste Kritikpunkt ist, dass man die Rente ja mit der Infaltionsrate abzinsen müsse. Dann stehen die 3.000 € nämlich nur noch für 1.337 € Kaufkraft. Ich finde erfreulich, dass der Inflation Achtung beigemessen wird. So hat das aber nichts mir kritisch zu tun, sondern mit Schlechtrechnerei. Denn:

  1. Während Beiträge gezahlt werden, ist zumeist eine Dynamik mit eingeschlossen. Das heißt, Beiträge und Rente erhöhen sich jährlich gleichermaßen um einen bestimmten Prozentsatz.
  2. Gibt es oft die Möglichkeit, auch eine Dynamik im Leistungsfall einzuschließen. Das ist dann nur teuer. Was für die NachDenkSeiten wahrscheinlich auch wieder ein Unding ist. Versicherer sollten ihre Leistungen ja offenbar verschenken.
  3. Stimmt die Rechnung ja nur in einem extremen Szenario und für das letzte Jahr des Rentenbezugs. Man geht ja offenbar davon aus, dass jemand mit Mitte 20 anfängt Rente zu beziehen und über die nächsten vierzig Jahre nicht wieder in der Lage ist zu arbeiten. Solche Fälle gibt es natürlich. Es sind aber nicht unbedingt die wahrscheinlichsten. Selbst wenn das der Fall ist, sind die 3.000 € im vierten Jahr immer noch 2.826,97 € wert. Und nach zehn Jahren 2.510,27 € und nach 20 Jahren 2.059,29 €.
    Inflationsrechner

Schließlich, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: wie genau sieht jetzt die konstruktiv erarbeitete, bessere Lösung aus? Womöglich ist angedacht, ein alternatives Kollektiv zu bilden. Eines, in dem man sich trifft, um sich gegenseitig Leid zu klagen. Das ändert oder verbessert zwar nichts, scheint aber der auf den NachDenkSeiten vorgezogene Umgang zu sein. Nicht umsonst der Hinweis auf einen Artikel aus der Süddeutschen, dessen Titel Bände spricht:

Süddeutsche: BU-Schutz nur für gesunde Reiche

Werte Urheberkollegen, es ist eben nichts umsonst auf der Welt. Noch nicht einmal der Tod, denn der kostet das Leben. Eine BU kostet gerade deswegen Geld, weil das Risiko ein bemerkenswertes ist. Da hilft alles vornehme Kritisieren und ziellose Jammern wenig. Stattdessen die Energie besser darauf verwenden, mit Druck, Drall und Geschwindigkeit eine passende Lösung zu finden.

Und das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.

Vorerst.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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