Was würde Adorno sagen?

Thema: // Author: Arne Lotze

Adorno soll zuweilen ja sehr ungnädig umgegangen sein mit unklugen Beiträgen. Dabei war das Niveau der Beiträge zuweilen zu Zeiten Adornos wahrscheinlich in der Masse deutlich höher. Von Informationsflut, die nicht zu bewältigen ist und an jeder Ecke einem Blog im Internet war damals ja noch keine Spur.

Mir wird allerdings anhaltend nicht luzide bleiben, warum aus der geringeren Eintrittsbarriere folgt, dass nicht nur jeder meint, irgendwas sagen zu müssen, sondern auch noch zu Dingen sagen zu müssen, von denen er keine Ahnung hat?

Mein Gesprächspartner in einem Küchengespräch am heutigen Nachmittag unterstellte eine gehörige Portion Opportunismus „Klar schreibt der sowas in Zeiten von Occupy, Krise(n) und die Finanzbranche besteht aus Haien, die Brecht längst prophezeit hat – was ist das Ausrauben einer Bank gegen das Gründen einer Bank?“

Nicht zuletzt ökonomisches Kalkül könnte ich beinahe noch akzeptieren. Auch ein Journalist muss schließlich Artikel verkaufen, damit er seine Brötchen bezahlen kann.

Aber wer eigentlich und was eigentlich?

Der Reihe nach: Philipp Schwenke, 33. In der NEON, Novemberausgabe 2011

Philipp Schwenke: NEON

So schlecht ist der Artikel gar nicht? Stimmt. Das macht ihn aber fast noch gefährlicher. Denn wo ein Funken Wahrheit steckt, ist der tendenziell junge, in Finanzdingen noch nicht so erfahrene Leser vielleicht umso mehr geneigt, das Feuer der Aufklärung zu vermuten. Was er stattdessen findet, ist jemand, der immerhin zugibt, dass er sein gesamtes Geld verbrennt und überhaupt nicht damit umgehen kann.

Philipp Schwenke will aber gelernt haben. Nun, zumindest zeugen die Photographien der gefalteten Dollar-Noten von einiger Expertise, mit Geld umzugehen. Anders als vom Autor intendiert, vielleicht soll aber auch nahe gelegt werden, das Lesen des Artikels einfach zu „knicken“, wie man im Volksmund so schön sagt.

Makler sind wie Metzger?

Verzeihung. Ich wollte dann aber doch zumindest ein Mal emotional ab dem sechsten Absatz gewissermaßen zurückschießen. „Außerdem haben Makler ein Interesse daran, ihren Kunden mehr anzudrehen als nötig und verhalten sich grundsätzlich wie die Metzgerin, die immer noch fragt, ob es noch ein bisschen mehr sein darf“, so der Autor und es mag Makler – und Metzger – geben, die so verfahren. Eine konzeptionelle Beratung bedarf jedoch bedeutend mehr Weitblicks als dem Schneiden einer Scheibe Wurst und vor allem hat das Andrehen da nichts verloren. – Nicht zuletzt aus betriebswirtschaftlichem Eigeninteresse des Maklers übrigens. Der wird häufig nämlich eine mehrjähriges Stornorisiko zu tragen haben. Wenn er also tatsächlich andreht, läuft er Gefahr, dass der Beratene das durchschaut – und dann müssen große Teile der Provision zurückgezahlt werden. Außerdem liefe der Makler Gefahr, dass ihm übel nachgeredet wird – das wird jeder Unternehmer zu vermeiden wissen. Die ERGO dürfte aktuell ein Lied davon singen können.

Lieber Philipp Schwenke, ganz so einfach und grundsätzlich ist das nicht. Vielmehr macht bei Kollegen und mir häufig de Antwort des Juristen die Runde: „Es kommt drauf an.“ (Gemeint ist der Einzelfall)

Aber zum begrüßenswerten Funkenflug. Allein die Initiative eines Menschen, sich selbst zu beschäftigen, was man sinnvollerweise tun kann, damit Geld sich vermehrt, begrüße ich und unterstütze den appellativen Gestus. Denn Herr Schwenke hat mit vielen seiner Leser gemein gehabt, dass er einfach keine Ahnung hatte, wie überhaupt sparen. Antworten, die nicht gleich Kaufempfehlungen mit einschließen sind leider spärlich gesät und fernab dessen finden sich leider vor allem fachlich nicht eben fundierte Artikel, Tests und Ratings, denen wiederum auch Philipp Schwenke auf den Leim gegangen ist.

Am Ende des Artikels gibt es dann schließlich Handlungsempfehlungen, gemessen an verschiedenen Zeiträumen, die ein Sparer sich dem Thema zu widmen gewillt ist. Es geht los bei 59 Sekunden. Das ist natürlich witzig. Nach kurzem Lächeln aber traurig. Schließlich nimmt nicht wunder, dass die Handlungsempfehlung Quatsch ist. Das liegt vor allem aber auch an den Rahmenbedingungen. In 59 Sekunden wird man kaum das passende Produkt finden und es erst recht nicht verstehen, wie Schwenke zuletzt schreibt. In 59 Sekunden über die eigene zukünftige finanzielle Perspektive entscheiden zu wollen, ist meines Erachtens Mündigkeitsverweigerung!

Riester … von allen Vorsorgeprodukten ausgerechnet Riester

Weiter im Text: 30 Minuten. 1. Riester. RIESTER! Allen Ernstes? Googelt man als freier Journalist nicht auch mal, bevor man weitreichende Empfehlungen ausspricht? Gründe, warum ich Riester für den legalen Betrug 2.0 halte, gibt es als Video hier.

2. Tagesgeldkonto: Herr Schwenke, gut gemacht. In der Grundaussage goldrichtig, im Detail zwar falsch, denn ich verfahre mit meinem Tagesgeldkonto ebenso flexibel wie mit einem Girokonto, aber daran soll es nicht scheitern.

24 Stunden – Mensch, da fängt ja direkt einer an, verantwortungsvoll mit dem eigenen Leben umzugehen. – Zumindest, was den Zeitraum angeht. In der Empfehlung: Armes Deutschland. Ich zitiere den größten Unsinn des gesamten Artikels: „Rentenversicherung lohnt sich erst mit vierzig.“

Falsch. Vielmehr fange ich mit meinen Kunden an immer weniger über eine Versicherungslösung nachzudenken, je älter sie sind. Jede Versicherung nimmt Kosten und bietet Steuervorteile. Je länger der Vertrag läuft, desto entschiedener ist der Gewinner der Steuervorteil – und mit ihm der Sparer.
Im weiteren: Ein Fondssparplan. Das hingegen ist in heutigen Zeiten mutig. Und richtig. Zu dieser Überschrift gratuliere ich. Inhaltlich ist das in der Kürze hanebüchen und nicht umsonst ist die seriöse Beratungsdokumentation, wenn es um Geldanlage geht, sehr umfangreich. Aber hier erneut gut gemacht.

Was würde Adorno sagen?

Was also würde Adorno sagen? Er würde vielleicht schreiben:

„Daß die Intellektuellen zugleich Nutznießer der schlechten Gesellschaft und doch diejenigen sind, von deren gesellschaftlich unnützer Arbeit es weithin abhängt, ob eine von Nützlichkeit emanzipierte Gesellschaft gelingt.“ (Minima Moralia Nr. 86)

theodor

Der Intellektuelle ist also gleichermaßen in die Gesellschaft verstrickt und für sie verantwortlich. Von der Verstricktheit war bei Philipp Schwenke zu lesen, vom Verantwortungsbewusstsein leider noch zu wenig.

Vielleicht hat Leonhard Fuest in einer Fußnote in seinem aktuellen Band Die schwarzen Fahnen von Paris also Recht, wenn er bemerkt:

„Wie sagte Woody Allen einmal? Die Intellektuellen seien schlimmer als die Mafia, schließlich brächten sie sogar ihre eigenen Leute um. Er hatte Recht. Inzwischen haben sie ihre Arbeit fast vollendet.” (S. 64)

410dcQxia9L._SS500_

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
Dann melde Dich: per Mail beratung@finanzdiskurs.de oder Telefon +49 178 3484412

Das könnte dich auch interessieren

  1. Geldanlage Berichtvergleich

    Zwei mal Geldanlage Journalismus Ich möchte im Folgenden zwei journalistische Beiträge vergleichen.

  2. Sodom oder Gomorrha?

    Souverän investieren Vergangenes Wochenende. Der Urheber des Blogs hält einen Vortrag: „Passives

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.