Stiftung Warentest schreibt oft zu viel

Thema: // Author: Arne Lotze

Der Demographiemeteorit

Erst, wenn die Kugellager der finanzdiskurs Gebetsmühlen vollkommen entlagert sind, wird man feststellen, dass die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung so beständig sind wie das Hamburger Wetter im April und der Demographiemeteorit auf der Erde eingeschlagen sein wird. Siehe dazu gleichermaßen erhellend und unterhaltsam Prof. Raffelhüschen.

Der Eindruck entsteht zumindest. Nun gab es 2006 finanzdiskurs noch nicht und ich kann erst heute Unsinn über Mühlen und Kugellager verbreiten und gespannt sein, ob das jemand merkt. Von Kugellagern und Mühlen habe ich nämlich höchstens insofern Ahnung, als ich weiß, dass man den Mahlgrad von Pfefferkörnern meist unten, da, wo der gemahlene Pfeffer rauskommt, einstellen kann.

Bei der Stiftung Warentest hat man nachlesbar von den beiden Krankenversicherungssystemen in Deutschland keine Ahnung. Anstatt mit der unfundierten Meinung dahin zu gehen, wo er wächst, der Pfeffer, wird ordentlich Senf dazu gegeben:

Spiegel Finanztest PKV

Spiegel: Online: Stiftung Warentest: Privatversicherte zahlen oft Hunderte Euro zu viel

Stark übrigens, dass Spiegel online ausgerechnet diesen hanebüchenen Unsinn von „Hunderte Euro zu viel in den Titel zitiert“. Wie viele Hundert denn genau? 12? 25? 38?

Die meines Erachtens einzigen drei sinnvollen Aussagen des Finanztest Tests sind die:
1. Es gibt private Krankenversicherungstarife, die ein deutlich höheres Leistungsniveau als die Gesetzliche Krankenversicherung bieten.
2. Leistung kostet Geld. Sogar dann, wenn es um die eigene Gesundheit geht.
3. Welche Leistung und wie viel Geld genau kommt auf die Wahl des Tarifs an.

Der Rest? Schmuck am Nachthemd. Wasser unter Brücken, die längst abgebrannt sind.

Ich zitiere im weiteren meine Professorin aus der Einführung in die Neuere Deutsche Literatur: „Ich könnte Ihnen jetzt im Einzelnen auseinanderlegen, warum das Unsinn ist. Mach ich aber nicht.“

Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass man nicht weiß, wo anfangen und wo aufhören?

Begnügen wir uns also mit einigen Schlaglichtern.

Das Restrisiko, das Beamte zumeist privat absichern neben Krankenvollversicherungen für Angestellte und Selbständige zu stellen ist so sinnvoll wie zum 3-Gänge-Dinner einzuladen und dann einen Rest Pasta vom Abend zuvor aufzutischen.
Nachdem sogar bei der Stiftung Warentest Einsicht herrscht, dass die Restrisikoabsicherung für Beamte sinnvoll ist, verharren wir also wesentlich bei den Angestellten.

720 € ein Schnapper? 550 € zu teuer?

Damit die sich überhaupt privat krankenversichern DÜRFEN, müssen sie längst den Höchstsatz in der Gesetzlichen Krankenversicherung zahlen. Der liegt – Trommelwirbel – für Kinderlose über 23 Jahren in 2014 übrigens bei 720,90 € monatlich. Ein Schnapper!

Nun lesen wir sogar bei Stiftung Warentest, dass es sehr gute Angebote für einen 35-jährigen für zwischen 441 € und 804 € monatlich gibt. Nehmen wir doch einfach mal an, unser Krankenversicherter erwischt nicht den Tarif mit dem allerschlechtesten Preis-Leistungsverhältnis am Markt. Sind 440 € oder 500 € oder auch 550 € im Monat so fürchterlich in Anbetracht von 720 € im Monat, die er zuvor bezahlt hat? Für schlechtere Leistungen wohlgemerkt?

Und für Leistungen, für die es nichts als einer nächsten Gesundheitsreform bedarf, bis sie weiter eingeschränkt oder mit Zuzahlungen zu Lasten der Versicherten bedacht werden?

Zudem in einem System in dem die Leistungen sogar mit Gewissheit noch schlechter werden müssen. Oder die Beiträge ins Astronomische steigen. Oder beides.

Wo kommt nur die Blindheit dafür her, dass der Höchstbeitrag in der Gesetzlichen Krankenversicherung seit 1990 jedes Jahr gestiegen ist – bis auf nach der Kurzarbeit 2010; siehe hier? Nun ist sicher verzeihlich, wenn sich Angestellte ohnehin mehr für ihr Nettogehalt interessieren und nicht so genau auf ihre Abzüge schauen.

Mal angenommen, man wäre die Stiftung Warentest und gäbe vor unabhängig und vor allem fachkundig zu testen, wäre man dann aber nicht in der Pflicht, das mit ins Kalkül zu nehmen?

Denn: Selbstverständlich steigen die Beiträge in einem guten privaten Krankenversicherungstarif. Krankenversicherer bezahlen nämlich Leistungserbringer. Also beispielsweise Ärzte. Und da auch Ärzte im Lauf der Zeit mehr Geld für Miete, Strom, Milch und Benzin ausgeben müssen, steigen ihre Gehälter. Zusammen mit dem medizinischen Fortschritt ergibt das dann sehr wünschenswerte  Beitragssteigerungen. Ich möchte nämlich gerne nach dem neuesten Stand der Technik und von nicht hungernden, in geheizten Wohnungen lebenden Ärzten behandelt werden.

Blickt man verantwortungsbewusst in die Vergangenheit, sollte man das auch in die Zukunft tun: das nächste Geheimnis, das keines ist:

Private Krankenversicherer sparen für’s Alter

Private Krankenversicherer sparen für ihre Versicherten für’s Alter. Dadurch soll dafür gesorgt werden, dass der Beitrag, den ein Versicherter mit 65 Jahren zahlt, der gleiche ist, wie mit 70, 80 und 85 und ab 85 Jahren soll der Beitrag idealiter sogar gesenkt werden. „Alterungsrückstellungen“ heißt das Zauberwort.

Tolle Geschichte, nich’!
Die Geschichte ist sogar so toll, dass die Summe dessen, was die privaten Krankenversicherer für ihre Versicherten angespart haben von 2012 auf 2013 von 182 Mrd. Euro auf knapp 200 Mrd.Euro gestiegen ist. Das entspricht einem Volumen von sieben PKV-Jahres(!)ausgaben.

Und wie viele Jahresausgaben hat die GKV auf der hohen Kante?
Fangfrage, schon klar: 0. In Worten: Null.

In der GKV wird alles, was eingenommen wird, sofort wieder ausgezahlt. Und bleibt aus versehen doch mal was über, wird es an Versicherte ausgezahlt. Super Idee in Anbetracht der Altersstruktur der deutschen Bevölkerung. Nicht.

Quelle: Süddeutsche http://polpix.sueddeutsche.com/bild/1.950466.1355878013/860x860/demographischeentwicklung2.jpg
Quelle: Süddeutsche http://polpix.sueddeutsche.com/bild/1.950466.1355878013/860×860/demographischeentwicklung2.jpg

Überschüsse, die keine sind

Das gipfelt dann darin, dass der Bundeszuschuss für den Gesundheitsfonds der GKV gekürzt wird, nachdem es unverschämterweise einen vermeintlichen Überschuss gab.
Vermeintlich? Ja, vermeintlich.
Wenn der AOK Bundesverband darüber nämlich jammert und zwar einräumt, dass die Kassen einen Überschuss von 5 Mrd. und der Gesundheitsfonds von 3,5 Mrd. gemacht haben, ist das Augenwischerei. 8,5 Mrd. Überschuss 2012 stehen nämlich 14 Mrd. Zuschuss aus Steuergeldern gegenüber.

AOK Bundesverband jammert über Kürzung des Bundeszuschusses

Will sagen: Mal angenommen, ich habe einen Apfelbaum und daran wachsen so wenig Äpfel, dass ich mir von jemandem 14 Äpfel leihen muss, um alle mit Äpfeln zu versorgen. Und am Ende bleiben 8,5 Äpfel übrig. Wie viele Äpfel sind dann an meinem Baum zu viel gewachsen? Richtig. Keiner. Ich hätte mir einfach nur 5,5 Äpfel, die ich zu WENIG hatte, leihen müssen.

So hat die Stiftung Warentest also Recht. Das will alles gut überlegt sein. Schön wäre gewesen, wäre man mit gutem Beispiel vorangegangen. Schön wäre auch, wenn von der Studie berichtende Journalisten sich noch ein, zwei Gedanken dazu gemacht hätten.

Ob Tests und Berichterstattung der Güte überhaupt auch nur Apfel wert sind, möchte ich jedenfalls mindestens als Frage in den Raum gestellt wissen.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
Dann melde Dich: per Mail beratung@finanzdiskurs.de oder Telefon +49 178 3484412

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