Sodom oder Gomorrha?

Thema: // Author: Arne Lotze

Souverän investieren

Vergangenes Wochenende. Der Urheber des Blogs hält einen Vortrag: „Passives Investment“. Dabei nimmt er immer wieder Bezug auf das übrigens durchaus brauchbare Buch: Souverän investieren. Brauchbar auch für die Altersvorsorge, denn Altersvorsorge ist schließlich nichts anderes als Geldanlage mit einem langen Sparhorizont. Ein ganzer Abschnitt wird darin der „Investment-Pornographie“ gewidmet. Damit sind hanebüchen unseriöse Renditeversprechen in Prospekten und ähnlichen Publikationen gemeint. In jene Richtung spielt aber auch der vermeintlich fachkundige Rat in einschlägiger Tages- und auch Fachpresse.

Nun ist das einerseits ärgerlich. Denn, so könnte man argumentieren, von Presse à la Handelsblatt, The Economist u. ä. sollte mehr zu erwarten sein. Ob dieses „mehr“ überhaupt menschenmöglich ist, wollen wir an dieser Stelle nicht weiter erörtern.
Vielmehr interessiert uns andererseits, ob es nicht viel bedenklicher noch ist, wenn entsprechende Informationen für den NICHT-fachkundigen Leser auf bedenklich schlechte Weise aufbereitet werden.
„Was soll man schon erwarten vom Hamburger Abendblatt? Springer eben. Was hat das ZEIT Campus Magazin schon mit Versicherung und Vorsorge zu tun?“
Richtig. Gar nichts. Müsste die Frage an der Stelle aber nicht weiter lauten: Warum schreiben die dann überhaupt darüber? Ich meine, nicht nur, weil sie es können, sondern, weil sie es müssen. Wie sonst sollen sich diejenigen informieren und orientieren, die eher einen Bogen um einschlägige Fachliteratur machen?
So müsste die Frage also nicht lauten.
Sie müsste hingegen sehr wohl lauten: Warum stellen sich die lediglich exemplarisch genannten Blätter nicht ihrer Verantwortung und berichten und informieren in vertretbarer Art und Weise – eingedenk ihrer durchaus nennenswert zahlreichen geneigten Leserschaft?

Altersvorsorge – Sodom oder Gomorrha

Hamburger Abendblatt. Wochenendausgabe 6./7. November 2010.
Ratgeber. Der Anspruch, so macht das Ressort deutlich, ist also, Lesern Informationen an die Hand zu geben, mit Hilfe derer sie sich hinsichtlich einer Altersvorsorgelösung orientieren und entscheiden können sollen.
Bereits die  auf das Versprechen, Rat zu geben, folgende Überschrift inszeniert das Wortbrüchig-werden. „Riester oder Rürup – wer braucht was?“ Implizit also: Eine andere Lösung gibt es nicht und eines der beiden Produkte braucht ausnahmslos jeder. Besonders einfach scheinen es Freiberufler und Selbstständige zu haben sie „dürfen nicht riestern, für sie gibt es das Rürup-Modell.“
An dieser Stelle hätte der Leser im Grunde aufhören können zu lesen und den Sonntag stattdessen damit verbringen können, sich die Sendung mit der Maus anzuschauen. Das jedenfalls sind gute Informationen.

Riester oder Rürup
Zur Erklärung:
Es existieren durchaus andere Wege der Vorsorge.
Mal angenommen, man ist so verrückt, sich das sauber und gutachterlich durchzurechnen, ergeben die in vielen Fällen sogar mehr Sinn als Rürup und Riester.
Es ist auf gar keinen Fall so, dass jeder eines von beiden unbedingt braucht.

Viele Fragen, keine Antworten

Weiter im Text, an den ich fortan nur noch Fragen stellte, wissend, dass zufrieden stellende Antworten sowieso nicht gegeben würden.
„Denn mit der Förderung vom Staat lassen sich ansehnliche und sichere Renditen erzielen.“ Welcher direkte Bezug bestand jetzt gleich zwischen Förderung und Rendite?
„Mit Riester ist man sehr flexibel.“ Dann kann ich also jederzeit problemlos Geld entnehmen, ohne das wieder einzahlen zu müssen? Und habe volles Kapitalwahlrecht im Rentenbezugsalter?
„Eingezahlte Beiträge und Zulagen sind zum Ende der Laufzeit zudem immer garantiert.“ Das ist ja super. Vollkommen ungeachtet der Kosten des Vertrages bekomme ich also effektiv immer Beiträge inklusive Zulagen?
Die Riester-Rente ist Hartz IV sicher. Könnte das daran liegen, dass ich noch nicht einmal dann an mein Geld darf, wenn ich es möchte? Und, mal angenommen, ein Hartz IV Empfänger bekommt im Rentenalter lediglich Grundsicherung: Bekommt der seine Riesterrente on top?`
„Vererbbar ist die Rürup-Rente an Ehepartner und kindergeldberechtigte Kinder […]. Bei der Riesterrente gibt es keine Einschränkungen.“ Und ich dachte schon, Rürup sei eine Leibrente. Auf den Leib des Versicherten nämlich. Dann wäre die Vererbbarkeit gleich Null. Aber das ist wahrscheinlich Quatsch. Genauso wie, dass man Riesterguthaben nur so vererben kann, wie es hier Rürupveträgen zugeschrieben wurde. Oder?

Welche Versicherungen braucht ein Student?

Wir springen im Text. Nur das Nötigste. Aus dem ZEIT Campus Magazin.
„Eine Hausratversicherung ist sinnvoll, wenn man in einer eigenen Wohnung wohnt.“ Kommt das nicht eher auf den Wert des Hausrates an als auf die eigene Wohnung?
„Auch eine Unfallversicherung kann unter Umständen vernünftig sein.“ Dann aber: Mit der Berufsunfähigkeitsversicherung bis zum ersten Job warten. Wir gehen also davon aus, dass es wahrscheinlich ist durch ein plötzlich von Außen unfreiwillig auf den Körper einwirkendes Unfallereignis bleibende Schäden davonzutragen, dass es aber unwahrscheinlich ist, bis zum ersten Job gesundheitliche Vorschäden zu haben, die bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung zu Risikozuschlägen oder zur Ablehnung durch den Versicherer führen?
„Ein Lehrer ist in der Risikoklasse 4.“ Und ich dachte schon, den kann man auch in Risikoklasse 2 versichern?
„Schließt ein Student mit 25 Jahren einen lange laufenden Vertrag […] ab, kann er zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht beurteilen, ob er es schaffen wird, 30 oder 40 Jahre die Beiträge zu zahlen.“ Und ich dachte, dabei ginge es vor allem um die ersten Jahre während des Studiums. Verrückterweise ging ich in der Annahme, dass das Zahlen von Beiträgen, einmal im Berufsleben angekommen, gar nicht so problematisch sein soll. Zudem hörte ich Spatzen pfeifen von den Dächern Dinge wie „Beitragspause“. Mit Sicherheit bin ich da aber schief gewickelt. Oder?

Am Ende ist hin und wieder also begrüßenswert, dass Informationen eine geringe Halbwertszeit haben. Und dennoch möchte ich appellieren an ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein seitens der schreibenden Zunft.
Meine Damen, meine Herren: Wissen verpflichtet!
Und wer dazu antritt, Wissen zu vermitteln, ist dazu aufgerufen, sich zuallererst selbst kundig zu machen.

Clevere Altersvorsorge gibt es übrigens auf finanzdiskurs.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
Dann melde Dich: per Mail beratung@finanzdiskurs.de oder Telefon +49 178 3484412

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