Krankenkassen: Unsolidarität geht den Bach runter

Thema: // Author: Arne Lotze

Und alljährlich grüßt das Solidarprinzip des deutschen Sozialversicherungssystems – frohes Neues übrigens! Das hat prinzipiell auch in 2015 beschlossen, unsolidarisch zu sein, anhaltend und per definitionem: Solidarischer Sozialstaat ist nicht

Solidaritaet-ist-eine-Waffel

Solidarsystem im Schafspelz

Insofern handelt es sich also weiterhin um ein Solidarsystem im Schafspelz, was wiederum nicht ganz unpassend ist, wenn mitunter der Eindruck entsteht, die politische Legislative und Exekutive springt mit Wählern und Beitragszahlern um wie mit einer Herde Schafe.

Das ist natürlich viel zu aggressiv vorgetragener alter Wein in neuen Schläuchen als dass aus dem Titel des Textes Minus mal Minus Plus geben würde. Es ist bedauerlicherweise also keineswegs die Unsolidarität, die gestrichen wird, um Solidarität zurückzulassen, sondern die Solidarität, die nur so tut als wäre sie mit sich selbst identisch geht weiter den Bach runter. Wahrscheinlich wäre das Solidarsystem auch längst in Therapie, wäre es ein menschliches Wesen, – ein dermaßen ausgeprägtes Neben- bzw. sogar Gegen-sich-Stehen hält ja kein Mensch aus.

Meine Polemik hat aber auch einen Anlass. Abgesehen von einem Gefühl der Solidarität, das bei manchem immer noch evoziert zu werden scheint, nur weil das Ding so heißt – dabei ist da bei Faktenlicht betrachtet so viel Solidarität drin wie Milch in der Milchschnitte – habe ich mir eine ganz spannende Diskussion zur Gesundheitsversorgung in Hamburg angehört, der Friedrich-Naumann-Stiftung sei Dank Friedrich-Naumann-Stiftung: Gesundheitsversorgung in Hamburg

Die Highlights möchte ich gerne teilen. Es geht also wesentlich um den Krankenkassenteil des Sozialversicherungssystems. Auch das funktioniert so, dass junge, gesunde, gutverdienende Beitragszahler für Leistungen aufkommen, die ältere, nicht mehr so gesunde und lediglich Rentenleistungen Empfangende benötigen. Das denkt man sich so jetzt aber auch zukünftig. Obwohl die Band Such a Surge sich damit gar nicht beschäftigt hat, hatte sie in „Schatten“ dennoch Recht: „Wenn Du denkst Du denkst, dann denkst Du nur Du denkst / doch in Wirklichkeit weißt Du schon längst / dass Du Deine Zukunft selber hängst.

„Kostendämpfungsgesetze anstatt struktureller Reformen, und das seit den 1970er Jahren“

Funktioniert nämlich gar nicht. Zwar werden immer wieder Leistungen gestrichen oder eingeschränkt, der Beitrag insbesondere für Gutverdiener steigt stetig und auch mit Steuermitteln wird fröhlich gestützt, bei alledem handelt es sich aber gemäß Dr. Heiner Garg, ehemals Gesundheitsminister in Schleswig-Holstein um „Kostendämpfungsgesetze anstatt struktureller Reformen, und das seit den 1970er Jahren“.

Unserer Herde Schafe erzählt also kein Mensch, dass die Weidefläche irgendwann abgegrast sein wird. Eigentlich hätte man längst schon umschwenken müssen, um mehr Weidefläche entstehen zu lassen. Das wäre nur für Schäfer wie Schafe unbequem gewesen. Stattdessen hoffen die Schäfer schon seit 40 Jahren, dass die Schafe nicht merken, wenn sie geliehenes Gras bekommen und vergessen, dass das Gras früher saftiger war. Hauptsache, sie können auf kurze Sicht ein entspanntes Leben im Schäfersattel weiterführen.

Demographisch steuern wir also auf eine mittlere Katastrophe zu was die Gesundheitsversorgung und Zahlung von Altersrenten und Pflegeleistungen angeht, von Interesse ist für die Spitzenpolitik aber wesentlich, wiedergewählt zu werden. Es gib schlichtweg und bedauerlicherweise kein Anreizsystem dafür, große und wichtige Reformen auf den Weg zu bringen, aber eine Menge Anreiz, den Ball flach zu halten, die Fingerspitzen vor dem Körper zusammenzuführen und Dinge möglichst undynamisch auszusitzen. Die Quittung gibt’s später aber die muss dann ja eh jemand anders zahlen. Auch die übrigens, die glauben, dass sie eine solidarische Idee unterstützen, wenn sie sich freiwillig gesetzlich krankenversichern.

Wunderbar und ausführlich ausgeführt von Prof. Raffelhüschen hier.

Quelle: Süddeutsche http://polpix.sueddeutsche.com/bild/1.950466.1355878013/860x860/demographischeentwicklung2.jpg
Quelle: Süddeutsche http://polpix.sueddeutsche.com/bild/1.950466.1355878013/860×860/demographischeentwicklung2.jpg

 

Soweit wurde Bekanntes lediglich von Seiten eines politischen Akteurs bestätigt.

Es gibt aber auch Neues.

Mehr Qualität – die zu weniger Qualität in der Krankenversicherung führen wird

Der Gesetzgeber möchte nämlich zukünftig mehr auf Qualität setzen. Gut bezahlt wird also nach Möglichkeit nicht mehr der Arzt, der möglichst viel operiert, sondern der, der das hochwertig macht. Schöne Idee – wie grundsätzlich ja auch die Solidarität. In der Realität wird sie sich nur ins Gegenteil verkehren. Das würde nämlich führen zu zweierlei:

  1. Ärzte haben noch weniger Zeit, um mit Patienten zu sprechen. Sie müssen nämlich noch mehr standardisierte Prozesse dokumentieren, damit sie die Güte ihrer Behandlung nachweisen können.
  2. Gerade die kniffligen OP werden weniger gern genommen, schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Eingriff aufwändiger wird hoch und dennoch die Gefahr, dass es zu Komplikationen kommt oder die Heilung nicht einwandfrei verläuft groß. Das aber würde ja schlechter vergütet als die einfach 0815 OP. Ob Ärzte das tun, weiß ich nicht, sie hätte aber zumindest einen Anreiz, nach Möglichkeit nur einfache Eingriffe vorzunehmen.

Möglicherweise findet das in Ansätzen bei niedergelassenen Fachärzten aber auch ohnehin schon statt. Die Budgetierung durch die Krankenkassen sorgt längst schon dafür, dass es schwierig ist am Quartalsende mit der Behandlung von Kassenpatienten anständig vergütet zu werden und zu jeder Zeit führt die vergleichsweise schlechtere Vergütung pro Patient dazu, dass mehr Patienten durch die Behandlungsräume gejagt werden müssen als noch vor zwanzig Jahren. So wurde davon berichtet, dass der Vorgänger in seiner HNO-Praxis noch 55 € pro Patient verdienen konnte, sein Nachfolger steht Jahrzehnte später bei knapp 20 € weniger – obwohl er aufgrund von Inflation und medizinischem Fortschritt eigentlich 90 € pro Patient verdienen müsste.

Unter dem Strich bewegen wir uns also in einem Bild aus einem Song von Gregory Porter „Water under bridges that have already burnt“.

Seit Jahrzehnten schon erleben wir:

  1. ein immer weiter sinkendes Leistungsniveau in der Gesetzlichen Krankenversicherung
  2. immer weniger Zeit, die Ärzte für die Behandlung von Patienten aufbringen können
  3. stetig steigende Beiträge für freiwillig Versicherte.

Und das mit der Perspektive auf ein Ich-wäre-so-gerne-solidarisch-System, das auf dem besten Wege ist, den Bach runter zu gehen.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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