Gute Vorsorge ist die halbe Pflege

Thema: // Author: Arne Lotze

… oder Miete bezogen auf die Unterbringung in einem Pflegeheim.

Nachdem mich der guten Dinge drei als Impulse ereilten nun also: Internet auf für das Thema Pflege.
Zunächst erwähnte Prof. Joachim Weimann gestern bei seinem Vortrag en passant, dass die Wahrscheinlichkeit älter als 100 Jahre alt zu werden für heute Geborene bei 0,5 liegt. Anders gesagt, jeder zweite heute Geborene wird wahrscheinlich älter als 100 Jahre alt werden. So gerne ich mit Prof. Weimann in ein Loblied auf Geld und den medizinischen Fortschritt, den es ermöglicht hat, einstimme, so unmittelbar war mein Gedanke aber auch: „Oh, oh, wie die dann mit ihren 100 Lenzen wohl alle drauf sind?“
ZBW: Geld macht doch glücklich
Dann entnahm ich meinem Twitter Stream ein Video der SWR Mediathek: „Die Last mit den Eltern – Wenn Mutter plötzlich Pflege braucht“
Schließlich hat ein Kollege von mir seine Diplomarbeit zu jenem Thema geschrieben, die ich dankenswerterweise lesen durfte.
Die Einleitung in Kürze: Das Pflegerisiko gibt es, es ist sogar recht wahrscheinlich und es kann bei unvorbereitetem Eintritt zu ausgesprochen unschönen Szenarien führen.

Persönlich finde ich das Pflegethema übrigens gruselig. Und eine Pflegeeinrichtung möchte ich als Patient/Bewohner nicht von innen sehen. Im weiteren handelt es sich aber um genau das, ein sehr persönliches Thema und da ich noch nicht mit jedem Leser eine Limonade getrunken habe, enthalte ich mich der weiteren Bewertung.

Dass einen das Pflegerisiko ohne weiteres heimsuchen kann, erinnert niemand gerne, mindestens im erweiterten Bekanntenkreis werden die meisten es aber zur Kenntnis genommen haben. Anders als das Erreichen des Rentenalters und die Notwendigkeit zur Altersvorsorge besteht aber immerhin die Möglichkeit, dass man selbst und die eigene Familie verschont bleiben.
So kommt es, dass „die Anzahl der abgeschlossenen Pflegezusatzversicherungen, beispielsweise im Vergleich zu Zahnzusatzversicherungen, gering ist“, wie ich besagter Diplomarbeit entnehme. Dabei ist es viel teurer gepflegt zu werden, als neue Zähne zu bekommen. – Nicht, dass das günstig wäre.

3.217,54 € durchschnittliche monatliche Kosten für Pflege

Die stationäre Versorgung der Pflegestufe III kostet nämlich im Durchschnitt 3.217,54 € im Monat. Davon kann man sehr schnell ganz viele Zähne bezahlen.
Zieht man die Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung ab, bleibt eine Lücke von guten 1.600 €. Monatlich. Und jährlich ziemlich genau 20.000 €.
Die durchschnittliche Pflegedauer liegt bei 8,2 Jahren und somit lässt sich das Gesamtrisiko auf 164.000 € beziffern.
Selbst, wenn man die durchschnittliche Höhe der gesetzlichen Rente mit einbezieht, bleibt eine riesige Lücke. Dabei kann „Durchschnitt“ immer auch bedeuten, dass die eigenen Kosten im schlimmsten Falle höher liegen.

Wer soll das bezahlen?

Nun, zunächst immer derjenige der gepflegt wird. Sind keine Ersparnisse vorhanden oder sind sie nach einiger Zeit dahin, springt das Sozialamt ein – allerdings nicht, ohne zu prüfen, ob es nicht Kinder gibt, die für Unterhaltszahlungen herangezogen werden können. Denn:

kinder haften für eltern

“Dabei kann selbst der Ehepartner des Kindes indirekt unterhaltspflichtig sein.”

Es ist also der Fall, dass der Pflegefall nicht nur emotional belastet, sondern auch finanziell. Beim SWR sieht man in einer Dreiviertelstunde sehr unschön, was das für Jahre des Alltags bedeuten kann.

Warum lässt der Gesetzgeber das zu? Nun. Zunächst muss man froh sein, dass es eine Pflegepflichtversicherung überhaupt gibt. Sie wurde nämlich erst 1995 und somit rund ein Jahrhundert nach den anderen Zweigen der Sozialversicherungen eingeführt.

Pflegeversicherung versucht keine Bedarfsdeckung

Darüber hinaus ist es so, dass die gesetzliche Pflegeversicherung “von Anfang an nicht auf Bedarfsdeckung ausgelegt war, sondern auf Budgetierung.” Sie soll den Versicherten also nur in die Lage versetzen, das finanzielle Risiko aus eigenen Mitteln überhaupt zu wuppen.

Pflegepflichtversichert ist man übrigens zumeist da, wo man krankenversichert ist. – Und jetzt kommen wir endlich zur Pizza. Weil nämlich privat Krankenversicherte in ein kapitalgedecktes System einzahlen und gesetzlich Versicherte in ein Umlagesystem.
Das führt dazu, dass die gesetzliche Pflegeversicherung ein Finanzierungsproblem hat. “Für die private Pflegeversicherung bedeutet die demographische Entwicklung […] vorerst keine große Problemstellung. Sei hat seit 1995 jedes Jahr Überschüsse zwischen 1,2 und 1,7 Milliarden Euro erwirtschaftete und bis 2009 Altersrückstellungen für spätere Leistungszahlungen an ihre Versicherten in Höhe von 20,4 Milliarden Euro gebildet.”

Wie auf finanzdiskurs vielfach erläutert, ergibt es unheimlich viel Sinn, Geld anzusparen und es für sich arbeiten zu lassen, anstatt die Altersstruktur der Gesellschaft von sich zu schieben und unter dem Deckmantel der Solidarität fahrlässig mit den jüngeren Generationen zu verfahren. – Ich schrieb erst vor kurzem davon.
Solidarischer Sozialstaat – Ist nicht

Ausgedrückt in Pizza

Ausgedrückt in Pizza bedeutet das nämlich, dass eine Runde von Pizzafreunden gemeinsam essen geht und für die Rechnung zusammenschmeißt. Da es mindestens in Hamburg Restaurants gibt, die ihre Pizzen in Wagenradgröße verkaufen, bietet sich das geradezu an. Das funktioniert so lange toll, wie ausreichend Pizzaesser dabei sind, die mit beiden Beinen auf der Karriereleiter stehen und die gerne einen Schnaps mehr bezahlen, damit arme Studenten mit von der Partie sein können. Sobald zu viele Studenten mit dabei sind, heißt es unweigerlich: “Ab in die Küche! Der Abwasch wartet! Avanti!”

sehr geile Pizza übrigens
sehr geile Pizza übrigens

Analog ist es – nicht nur, aber auch – um die gesetzliche Pflegeversicherung bestellt. Die finanzielle Unsicherheit der Versicherten ist jetzt schon sicher – und in der Lage, noch abwaschen zu können, werden die wenigsten der Leidtragenden sein.

So wird es also Zeit, dass sich Politik, Internet und jeder Einzelne zwei Gedanken zum Thema Pflege machen. Damit sind übrigens nicht heiße Tropfen auf den Steinholzofen gemeint à la “Pflege-Bahr”.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
Dann melde Dich: per Mail beratung@finanzdiskurs.de oder Telefon +49 178 3484412

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