Brexit, Versicherungen, andere Brechmittel

Thema: // Author: Arne Lotze

Brexit und Österreich

Fürwahr, wir leben in spannenden – oder auch ungewissen – Zeiten. In verschiedenen Ländern Europas scheint die Runde zu machen, dass 100% der Bevölkerung der festen Überzeugung sind, dass 50% komplett bescheuert sind. So geschehen bei der Bundespräsidentschaftswahl in Österreich mit gerade so noch erfreulichen 50,3% für den weltoffenen Alexander Van der Bellen.

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Und so mit traurigem Ausgang in Großbritannien in der Abstimmung über den Brexit: nur 48,1% haben für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt.

Beides war im Vorfeld schwer abzusehen. Die Märkte hatten den Brexit schon eingepreist und der DAX war kräftig nach unten gerauscht und ich dachte mir schon: „Alter, entspannt Euch mal. NOCH ist gar nichts passiert. Und nur, weil was passieren KÖNNTE muss man ja nicht gleich durchdrehen.“ Zumal, wo kämen wir hin? Müssen wir dann auch die ständige Eventualität von Naturkatastrophen und Terroranschlägen einpreisen? Ich überspitze, fände etwas mehr Gelassenheit aber durchaus angebracht.

Und in der Tat, es gab die Wende und der DAX hat sich wieder deutlich erholt bis zum gestrigen Abend.

DAX Woche

Nun ist natürlich erstmal Land unter – aber nun gibt es wenigstens auch ein Faktum, das die Panik begründet.

Brexit nicht vorhersehbar

Nicht vorhergesehen hatten den Brexit außerdem weder die Wettbüros

Wettbüros

noch die Meinungsforscher.

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Zu denen hat Dirk Müller heute Erhellendes berichtet: wer nur hippe, weltoffene Londoner befragt, kann nachvollziehbar kaum eine nationale Wahl auch nur annähernd richtig voraussagen.

Dirk Müller Cashkurs

Was hier so logisch daherkommt, sollte es aber vielleicht gar nicht sein? Warum winken wir denn einfach durch, dass die Jungen anders wählen als die Alten, die Studierten anders als die mit Lehrberufen, die Städter anders als die Landbevölkerung? Sollte da nicht mehr nationale Gemeinsamkeit und Zusammenhalt sein?

Bruchstelle Generationen

Schön wäre das – und vor allem fair den jungen Generationen gegenüber. Dass von denen in Österreich so viele die rechtspopulistische FPÖ gewählt haben, ist noch ein ganz anderes Thema – in jedem Fall wurde aber für einen Wandel gestimmt. Dies wurde vom älteren Teil der Bevölkerung aber nicht mitgetragen.

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Schön auf den Punkt gebracht hat das eine Grafik zur Brexit Abstimmung. Diejenigen, die mit den Folgen der Abstimmung über Jahrzehnte konfrontiert sein werden, die Jungen also, haben deutlich für das Verbleben der Briten in der EU gestimmt.

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Mir ist vollkommen schleierhaft, wie gerade die Generation, für die Zeiten, in denen wir uns gegenseitig Städte in Schutt und Asche gebombt haben, noch greifbar sind, sich so entschieden von der EU abwenden kann? Sicher, die europäische Politik hat ihre Mängel und einen Denkzettel dringend verdient. Deswegen die EU zu verlassen, halte ich für überreagiert, historisch unangemessen und den jüngeren Generationen gegenüber unfair.

Was wir unbedingt brauchen ist das, was die Demokratie im alten Griechenland ausgemacht hat: den Austausch, den Diskurs, die Auseinandersetzung – aber auch die Übereinkunft. Wie soll denn ein Europa funktionieren, wenn sich noch nicht einmal die Bevölkerung eines Mitgliedslandes verständigen kann? Um dann auch einen Schulterschluss bei nationalen Aufgaben zu zeigen?

Bestes Beispiel für den nicht vorhandenen Diskurs zwischen jüngeren und älteren Teilen der Bevölkerung ist die Altersrente. Die wird heute – im Wissen, dass sich das systemisch nie wird halten lassen – bewahrend, auf Krampf unreformiert am Leben gehalten. Und es interessiert scheinbar keinen, dass die demographische Situation unbewältigbar daherkommt und das Rentenniveau sich Richtung Keller bewegt. Ist alles kalter Kaffee:

Brechmittel demographischer Wandel

Von Pyramide zur Urne und jeweils die unten sollen die oben mit finanzieren. Sieht perspektivisch wackelig aus, finde ich.

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Und in der Folge das Rentenniveau. Das heißt, die jüngere Generation wird größere Lasten zu tragen haben und wird davon später noch weniger haben. Hört sich für mich wie ein blöder Deal an.

Rentenniveau

Und auch hier kann ich mir im Grunde nicht vorstellen, dass die Eltern derer, die heute jung sind, nicht offen wären für zukunftsfähige Konzepte, auch, wenn die vielleicht schon jetzt nicht ohne Veränderung und Schmerz umsetzbar wären.

Ein Europa, in dem sowohl verschiedene Mitgliedstaaten als auch Altersgruppen, Geschlechter und Bildungsniveaus friedlich miteinander leben und Wirtschaft gestalten jedenfalls wäre eines, in dem ich mit Freuden lebe.

Motiv von DDB; Quelle Wirtschaftswoche
Motiv von DDB; Quelle Wirtschaftswoche
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