Vogl, das Gespenst aus dem Elfenbeinturm

Thema: // Author: Arne Lotze

Zwei Fragen wurden für mich unlängst geklärt:

  1. Wen fragt man, wenn man die Finanzkrise(n) verstehen möchte?
  2. Trägt der Werteverfall Schuld am Wertverfall?

Der Wirtschaftsdienst veranstaltete am 24. Januar ein Gespräch zwischen Jospeh Vogl – Professor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin sowie in Princeton – und Bertram Schefold – einem Wirtschaftswissenschaftler von Rang aus Frankfurt am Main.

Verunheimlichung der Ökonomie

Grundsätzlich kann man natürlich beiden Herren die erste der oben genannten Fragen stellen. Interessanterweise erntet aber gerade der in Fachbereiche, in denen er keineswegs akademisch ausgebildet ist, „übergreifende“ Joseph Vogl ein sehr beachtliches Maß an Aufmerksamkeit, Besprechung und wenn wir im ökonomischen Jargon heimisch werden möchten: Nachfrage. – Indem er den ökonomischen Diskurs in seinem Buch Das Gespenst des Kapitals verunheimlicht.

Das kann man durchaus einen Moment auf sich wirken lassen. Ein Literaturwissenschaftler geht das Wagnis ein, sich aus dem Elfenbeinturm der Geisteswissenschaft in das Gebiet der Wirtschaftswissenschaften zu bewegen – und wird dafür überwiegend gefeiert (was die Schelte von Leuten, von denen man ohnehin am liebsten gescholten werden möchte, notwendig mit einzuschließen scheint).

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Gefeiert wird er außerdem nicht dafür, dass er ein heimeliges Wohlgefühl erzeugt, was den heute so gebeutelten Kapitalismus angeht, sondern dafür, dass er das Gespenst des Kapitals mit den Ketten rasseln lässt.

Märkte interpretieren Gesellschaft

Warum das so ist, erklärte der Autor sehr schön selbst. Gemäß Vogl interpretiert ein Literaturwissenschaftler Literatur. Die Märkte interpretieren Gesellschaft, was sowohl Moral und Ethik als auch Verteilungsgerechtigkeit und die Politik mit einschließt.

Wenn nun die Ereignisse an den Märkten so unheimlich undurchschaubar sind, dass einem weder die These noch die Methodik und geschweige denn das Ergebnis der Interpretation klar ist – was läge näher als sich jemandem zuzuwenden, der sich von Haus aus mit der Interpretation von Dingen beschäftigt, die sonst kaum jemand versteht?

Wer Kafka lesen kann, der kann auch Finanzkrisen sinnvoll in unserer Gesellschaft verorten, so meint man offenbar. Damit hat man die Rechnung natürlich ohne den Literaturwissenschaftler gemacht, der sich weder beim Interpretieren von Text noch von Krisen zum Propheten aufschwingt.

Die Ergebnisse, die Vogl zu Tage fördert sind nichtsdestoweniger beachtlich. Sie laden hoffentlich dazu ein, dass noch viel mehr Experten aus anderen Fachbereichen in der Ökonomie Gastfreundschaft zuteil werden wird.

Die Antwort auf die erste Frage freut mich naturgemäß sehr.

Noch mehr umgetrieben und auch beunruhigt hat mich aber die zweite Frage. Das Gespräch wurde darauf gelenkt als auf Herrn Vogls Definition des (post)modernen Kapitalismus hingewiesen wurde. – Wer das nochmal nachlesen möchte, kann dies auf Seite 131 tun.

Aristoteles‘ Chrematistik

Das Gespenst Aristoteles‘ wird dort heraufbeschworen, wenn es heißt, dass die „Chrematisitk“ in der heutigen Ökonomie – und somit in der heutigen Gesellschaft eine große Rolle spielt. Damit ist das widernatürliche Anhäufen von Kapital gemeint – das weitreichende Folgen hat. Warum widernatürlich, darf man hier fragen bzw. was ist denn dann natürlich?
Natürlich ist, wenn man produziert, um Bedürfnisse unmittelbar oder mittelbar zu befriedigen. Ich baue also entweder Äpfel an, damit ich sie unmittelbar essen kann, denn ich habe das Bedürfnis meinen Hunger zu stillen; beziehungsweise ich baue Äpfel an, damit ich sie mittelbar gegen Schuhe tauschen kann, denn ich habe das Bedürfnis, meine Füße vor spitzen Steinen zu schützen.

Was widernatürlicherweise passiert, ist aber, dass Kapitalisten Kapital anhäufen, ohne ein konkretes Bedürfnis damit befriedigen zu wollen.

„Kann mir doch egal sein, was die machen, den liberalen Freiheitsrechten sei Dank darf ja jeder das machen, was ihn glücklich macht“, könnte man einwerfen. Stimmt.

Aber.

Das Widernatürliche führt dazu, dass schon beim Anbau der Äpfel der Verkauf und nicht mein Bedürfnis im Mittelpunkt steht. Ich könnte mir beispielsweise einfallen lassen, meine Äpfel rot zu bemalen, weil sie sich dann besser verkaufen lassen. Dass der Geschmack des Apfels darunter leidet, nehme ich in Kauf.

Dieses Argument ist selbstverständlich so überspitzt wie angreifbar, illustriert aber schön, dass es qualitativ von Nachteil sein kann, wenn einzig die Quantität von Geld im Zentrum des Interesses steht.

Um auf Frage 2 zurückzukommen, könnte man überlegen, ob wir in (post)modernen Zeiten, in denen Orientierung und das Farbebekennen schwierig sind, nicht ein Vakuum gegen ein anderes getauscht haben? Wo Schamanismus, heidnische Glaubensrichtungen und alle möglichen Arten von Verschwörungstheoretikern massig Zulauf haben einerseits und politische Parteien ständig um die Wähler „der Mitte“ kämpfen – wer auch immer das sein mag – gaukelt ein Wirtschaftssystem Werte und Halt vor. Dabei geht es lediglich um Wert und nicht um Werte.

Was hat das nun mit Versicherten und Anlegern zu tun? Eine Menge. Die Masse der Anlage- und Versicherungsprodukte ist nämlich genau das: chrematistisch. Widernatürlich. Viele Deutsche Sparer denken nur, dass sie sparen und vernichten dabei den Wert ihres Vermögens. Viele deutsche Versicherte sind an falscher Stelle überversichert, an anderer existenziell wichtiger Stelle sind sie unterversichert.

Ist das ihre Schuld? Zum Teil. Es wird ihnen von chrematistisch agierenden Kapitalanlagegesellschaften, Banken und Versicherungen aber auch einfach gemacht, dass sie sich Quatsch verkaufen lassen.

Und jetzt kommt das Weil: Weil Mitarbeiter, die für Produktanbieter Produkte bauen, dabei offenbar nur ans Verkaufen denken und nicht daran das für den Kunden bestmögliche Produkt herzustellen.

Geldanlage ginge auch anders

Man stelle sich das einmal vor: Jeder Versicherer würde versuchen, die beste Altersvorsorge für den Kunden zu bauen, die darstellbar ist. Der Apfel um die Qualität des Apfels willen. Stattdessen werden fragliche Produktvorteile ins Rampenlicht gerückt, Nachteile verschwiegen und verklärt und am Ende sind Wissen und Kapital äußerst ungleich verteilt:

Derjenige, der das Produkt versteht, weil er es gebaut hat, hat das Wissen. Weil der andere eben das nicht hat, gibt er dem Wissenden sein Kapital – und steht am Ende mit einem Trostpreis da und mit dem Wissen, dass irgendwas auf moralisch unheimlich fragliche Weise nicht so gelaufen ist, wie er es sich gedacht hat.

Dies fordert überdies, dass Vermittler mehr wie Philosophen agieren. Damit Kunden gut beraten sind und beide lange Freude an einander haben.

Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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