Riester: Zwischen Tokio Hotel und Beethoven

Thema: // Author: Arne Lotze

Gemäß dem Versicherungsjournal vom 13.09.2012 gibt es „Rückendeckung für die Riester-Rente“.

Versicherungsjournal: Rückendeckung für Riester

Hat sich der Finanzdiskurs denn dann in eine gänzlich falsche Richtung entwickelt?

Natürlich nicht. Ich – und so der Plan – auch der aufmerksame Leser sind ja nicht auf der Suppe hergeschwommen. Deswegen durchschauen und entlarven wir auch eine Argumentation à la „15,6 Millionen Riester-Verträge sprechen für eine andere, positive Sicht für die geförderte Altersvorsorge als Erfolgsgeschichte.“

Ist klar.

Tokio Hotel hatten 2009 übrigens schon über 6 Millionen Platten verkauft. Deswegen muss das die Krönung der Musikkultur sein.

Wie viele Menschen sich indessen für Beethoven erwärmen konnten, ergab die Recherche auf die Schnelle nicht. Es dürften aber Welten weniger als 6 Millionen sein.

Folgt man nun dem Schema oben, hieße das, dass Beethoven ganz froh sein kann, nicht heute zu leben, vor lauter Tokio Hotel würde er nämlich nicht eine CD verkaufen.

Das ist natürlich Quatsch.

Wobei Beethoven bestimmt noch im Grabe froh ist, dass ihm der eine oder andere Beitrag zur zeitgenössischen Musik erspart geblieben ist.

Das Gleiche gilt für Riester.

tokio_hotel_w_gustav_shafer

Viel mehr Rückendeckung kommt nämlich nicht mehr.

Schlechte Noten für Riester

Außer an einer Stelle, an der man es zunächst weniger erwartet. Die Wirtschaftswoche hat zur Kenntnis genommen, dass die Stiftung Finanztest Riesterverträge getestet hat – mit überschaubar begeisterndem Ergebnis:

„Sehr gut“ gibt es gar nicht. „Gut“ nur fünf Mal.

Wirtschaftswoche: Schlechte Noten für Riester

Und wo das „Gut“ gut sein soll, erschließt sich auch nicht so recht. Gut ist offenbar, wenn man 30 Jahre lang Beiträge einzahlt und es „nur“ 15 Jahre dauert, also bis zum Alter von 82 Jahren, bis man überhaupt keine Rendite gemacht hat.

Abgesehen davon, dass man als Durchschnittsbürger nur noch wenige Jahre hat, etwas entfernt Ähnliches einer Rendite zu erleben, wird man als solcher die Auszahlung der Beiträge + Kaufkraftverlust definitiv nicht erleben.

Siehe dieses Video

„Gut“ ist also gar nicht gut.

Nicht „gut“ erst recht nicht. Da dauert es nämlich bis man durchschnittlich schon verstorben ist, bis das Minus in der Rendite einer Null weicht.

Was also Sinnvolles tun?

Es gibt zwei Möglichkeiten:

  1. Die Versicherer ärgern, indem man steinalt wird. So ab 95 bis 100 Jahren kann man dann mit allen Freunden, die noch leben, auch mal eine Party feiern.
  2. Die Versicherer ärgern, indem man für sich selbst spart und nicht für irgendeinen teuren, intransparenten Riestervertrag, der einem das eigene Geld nicht gönnt.

Die Wirtschaftswoche deckt nun überraschend Rücken.

Das wollte ich dem Finanzdiskurs nicht entgehen lassen:

  1. Vorwurf: Riester lohnt sich nicht.
    „Doch. Weil, es gibt ja staatliche Förderung.“
    … Kinder, Kinder. Was habt Ihr denn weiter oben selbst geschrieben? Eine Altersvorsorge ist doch nicht deswegen toll, weil irgendwer noch Geld mit in den Topf schmeißt, sondern dann, wenn man möglichst viel davon bekommt. Das ist auch mit der Lupe immer noch nicht der Fall.
  2. Nur wer steinalt wird, kommt mit Riester ins Plus.
    Genau. Davon war ja gerade die Rede. 82 Jahre bleiben eine Frechheit.
  3. Riester lohnt sich nicht bei niedrigem Einkommen.
    „Doch, weil es gibt ja Förderung.“
    Meine Herren. Und welcher Geringverdiener mit einer ach so tollen Förderquote verdient so viel, dass er später nicht Grundsicherung beziehen muss? Genau. Keiner. Deswegen heißt es ja “Geringverdiener”. Dessen Riesterrente entlastet dann zwar das Solidarsystem, davon hat der Sparer aber nichts.
  4. Riester ist unflexibel und intransparent.
    „Aber es gibt da doch ein, zwei Möglichkeiten.“
    Toll. Gaanz großes Kino.
  5. Riester ist kompliziert und bürokratisch.
    „Stimmt.“
    Stimmt.
  6. Riester ist zu teuer und macht die Anbieter reich.
    „Stimmt häufig.“
    Richtig, irgendwo muss das Geld der Sparer ja bleiben, wenn es schon nicht ihnen zugute kommt.
  7. Zu wenige Menschen nutzen Riester.
    „Stimmt.“
    Ich finde, es sind noch viel zu viele. Wobei „nutzen“ irreführend ist.

Fazit: Riester lohnt sich, wenn überhaupt, nur dank der staatlichen Förderung.

Schöner Punkt. Erinnert mich an Prof. Gerd Bosbach aus einem Beitrag der ARD, der zu bedenken gibt, dass Riester ein Produkt ist, das so schlecht ist, dass es der Förderung bedarf, damit es überhaupt jemand nutzt.

ARD: Das Riester Dilemma

Kann man drüber nachdenken.

Und meinetwegen auch Tokio Hotel dabei hören. Die gaukeln einem zumindest nicht vor, dass ihre Geräusche irgendwas mit Vermögensaufbau für‘s Alter zu tun hat.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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