KLV: Produkte mit absurdem Deckungsstock

Thema: // Author: Arne Lotze

Zurück zur D-Mark?

Wieder was gelernt. Am 16. Januar 2013 hat Prof. Dr. Peter Bofinger sein Buch Zurück zur D-Mark? – Deutschland braucht den Euro in der Hamburger Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften vorgestellt.

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Wen das große Bild interessiert: Buch kaufen und lesen. Mir hat das insgesamt überraschend gut gefallen – Liberalismus steht ja nun nicht besonders fett gedruckt auf Prof. Bofingers Fahne. Um die Argumentationsrichtung vorwegzunehmen:

Prof. Bofinger ist nicht der Meinung, dass wir zur D-Mark zurücksollten. Entscheidend sind also das Fragezeichen und der Untertitel des Buches. Er hält den Titel nur all jenen vor die Nase, die tagaus tagein über den strauchelnden Euro jammern – ohne konstruktive Vorschläge zu machen oder ihre Kritik konsequent zu Ende zu formulieren. Konsequent gegen des Euro zu sein hieße, so Prof. Bofinger, zurück zur D-Mark zu gehen.

Peter Bofinger: Zurück zur D-Mark? Deutschland braucht den Euro

Der Eurozonendiskurs hat nun mit dem finanzdiskurs naturgemäß eine große Schnittmenge. Insbesondere bereichernd war jedoch eine Bemerkung von Prof. Bofinger zum „vollkommen unlogischen, undurchdachten Sparverhalten“ der Deutschen, vor allem mit Blick auf die Altersvorsorge.

Die Altersvorsorge der schwäbischen Hausfrau

Und das erklärt sich so: Deutsche Sparer haben die Mentalität einer schwäbischen Hausfrau. Man ist fleißig und spart. Dass man Exportkönig Europas ist, ist schön. Produzieren können wir. Verkaufen – auch Dank des abgewerteten Euro – ebenfalls. Kaufen und konsumieren sollen aber gerne andere. Zum Beispiel die verschuldeten EU-Nachbarstaaten. Machen die auch.

Dadurch geschieht zweierlei: das Sparvermögen der Deutschen wächst weiter. Und die Schulden der EU-Nachbarn ebenso.

Nun zeichnet sich nicht jede schwäbische Hausfrau vor allem durch ihren immens weiten Horizont aus. „Die Stadt“ ist Stuttgart und Urlaub gibt‘s einmal im Jahr: Mallorca. Vielleicht streicht man auf „der Insel“ irgendwann auch noch das zweite „l“. Dann herrscht in der Aussprache endlich Einigkeit. Die schwäbische Hausfrau jedenfalls könnte sich denken: „Schön blöd, unsere Nachbarn, dass die so wenig sparen und sich weiter verschulden. Gott sei Dank hab ich damit nichts zu tun.“

Dachte es und zahlte weiter fleißig Beiträge in eines der Deutschen liebste Altersvorsorgeprodukte: Eines, mit sog. klassischem Deckungsstock; also Rürup, Riester oder die Kapitallebensversicherung.

Letztere tendiert zwar gegen tot, geht aber noch in Form von über 90 Mio. Verträgen wieder.

Der König ist tot, lang lebe der König

Was aber ist nun am sogenannten klassischen Deckungsstock so problematisch – oder wie Prof. Bofinger sagt: absurd?

Kapitallebensversicherung mit absurdem Deckungsstock

Das ist er, weil „klassisch“ nichts mit Goethe und Mozart zu tun hat, sondern mit Anlagevorschriften, die für einen Versicherer oder eine Bank gelten, wenn sie ein solches Produkt herstellen und verkaufen. Klassisch soll der Deckungsstock sein, weil er besonders konservativ und somit sicher sein soll. Deswegen besteht er ganz wesentlich aus Staatsanleihen. Aus Zetteln also, auf denen steht, dass man einem bestimmten Land Geld geliehen hat. Dafür bekommt man Zinsen und am Ende sein Geld zurück.

Und jetzt kommt das Perfide: Wenn man sein Geld an Deutschland verleiht, bekommt man derzeit ca. 1% p.a. Zinsen. Das deckt noch nicht einmal die Kosten eines solchen Vertrages. Also muss man das Geld jemandem leihen, der mehr Zinsen bezahlt.

Und wer könnte das sein?

Richtig. Genau die schusseligen Schuldnerstaaten, mit denen unsere Hausfrau auf gar keinen Fall was zu tun haben wollte. An eben diesen hängt aber nun ihre Altersvorsorge.

Wenn man sich das so vor Augen führt, ist das in der Tat absurd. 40% der deutschen Exporte gehen ins EU-Ausland. Das finden wir gut. Das Geld aber wird gespart und nicht zurück in den Wirtschaftskreislauf geführt. Gleichzeitig werden die für bekloppt gehalten, die unsere Güter importieren. Nur um genau diesen Bekloppten dann monatlich über den Versicherungsumweg Geld zu leihen. Inklusive Riester in Form von über 100 Mio. Verträgen.

Das scheint mir richtig gut durchdacht. Nicht.

Zumal der klassische Deckungsstock immer weniger mit konservativer Geldanlage zu tun hat. Der Versicherte hat lediglich einen Zettel in der Hand, auf dem steht: „Vielen Dank für Deine Beiträge in Höhe von … €. Dafür schulde ich Dir im Jahre … soundso viel €.“

Dieses verbriefte Recht gibt die Bank oder die Versicherung aufgrund von anderen Zetteln auf denen wiederum steht: „Vielen Dank für das Leihen von … €. Dafür bekommst Du Zinsen und am Ende Dein Geld zurück.“

… Falls ich ausreichend Geld habe. Keiner der EU-Schuldnerstaaten kann nämlich Geld drucken, wenn keins mehr da ist. Und so kommt es, dass unsere werte Frau Bundeskanzlerin darauf hinwies, dass kein Mensch gesagt habe, dass eine Staat nicht insolvent werden kann.

Gehen also diejenige pleite, die unsere Hausfrau für bekloppt hält, bekommt die Bank oder Versicherung bei der sie ihre Altersvorsorge hat, kein Geld zurück. Wo kein Geld zurückkommt, kann aber auch keines an die Hausfrau ausgezahlt werden.

Und die beiden Zettel? Die sind dann noch so viel wert, wie das Papier auf das sie gedruckt wurden.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
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