Lang lebe die Timeline-Kompetenz

Thema: // Author: Arne Lotze

Oder: Wer lange lebt, lebt nicht immer auch besser.

Mit „Timeline-Kompetenz“ meine ich im Folgenden die Fähigkeit, sich von einem „Jetzt“ in die Vergangenheit zurückzudenken oder aber, sich vorzustellen, wie eine Zukunft aussehen könnte. Das ist insofern ungemein hilfreich, als man auf die Idee kommen kann, Erlebnisse, die einen in der Vergangenheit begeistert haben, zukünftig ähnlich oder genau so zu wiederholen. Spätestens, wenn man zum wiederholten Male 24 Jahre alt wird, wird man ausreichend Glücksmomente gesammelt haben, um sich ein Bild von in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren machen – oder wünschen – zu können.

Was das mit Geldanlage und Versicherungen zu tun hat? Eine Menge.

Wie viel Geld möchtest Du später monatlich zur Verfügung haben?

So erlebe ich immer wieder, dass junge dynamische Menschen der Meinung sind, dass mit 60 das Leben vorbei ist. Das führt dann dazu, dass sie die Frage „Wie viel Geld möchtest Du denn später monatlich zur Verfügung haben?“ beantworten mit: „Na ja, jetzt habe ich 2.000 € Netto. Ich komme später aber bestimmt auch mit 1.500 € monatlich aus, das Fitnesstudio und die vielen Kilometer mit dem Auto zur Arbeit fallen dann ja weg.

Das ist in einer Hinsicht mit Sicherheit Quatsch und in einer anderen mit großer Wahrscheinlichkeit.

Quatsch ist zunächst, dass das Leben mit 60 vorbei ist. Durchschnittlich werden wir uns als mehrfach 24-jährige bei Mitte 80 Jahren Lebensalter tummeln. Und selbst, wer glaubt, dass er dann mit 1.500 € auskommt, sollte sich Gedanken machen, ob das mit den 1.500 € x 12 Monate x 25 Jahre (450.000 €) alles läuft. Zudem wird man eingedenk der Inflation eher das Doppelte an Geld brauchen.

Knäckebrot und Frischkäse

Quatsch ist ferner, dass 1.500 € ausreichen. Zumindest höchstwahrscheinlich. Richtig wäre das nämlich nur für Menschen, die sagen: „Wenn ich früher, mit 22 Jahren an einem sommerlichen Freitag Abend allein zuhause gesessen habe, mit einer Flasche Apfelsaftschorle und mir, bevor ich schlafen gegangen bin, noch zwei Knäckebrot mit Frischkäse gegönnt habe und mich gefragt habe, was die Leute nur alle da draußen wollen mir ihrem Eis und der Musik und dem Gelächter und der guten Laune, dann war ich besonders glücklich.“

Das mag es geben und jeder das, was ihn glücklich macht. Ich unterstelle aber, in der Masse ist das Quatsch.

Es ist nur so, dass das Quatsch ist, der wichtig ist!

Es geht doch bei allem Versicherungs-, Vorsorge- und Anlagegebaren am Ende nicht um Steuern, Zulagen oder hübsche Marketingartikel. Sondern darum im „Jetzt“ dafür zu sorgen, dass die Zukunft dem gemalten Bild möglichst nahe kommt. Deswegen ist die an einen 20-jährigen gerichtete Frage „Wie viel Geld benötigst Du denn später?“ nicht nur merkwürdig sondern vor allem wichtig.

Umso verwunderlicher, dass sie noch immer nicht in allen Banken gestellt wird, wie Testkunden unlängst wieder feststellen mussten.

Es gibt allerdings auch Fälle, in denen sich jene Frage stellt. Und zwar ganz konkret.

Silver Ager

Für die sogenannten „Silver Ager“. Das sind berufstätige Menschen über 50, die sich aktiver und jünger fühlen als ihr Alter aussagt und die die finanzielle Freiheit haben, ihr Leben entsprechend zu gestalten.

So lange ist es für die schlichtweg nicht mehr weg, dass sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Und sie merken zweierlei: 1. Sie werden voraussichtlich nicht mit 60 am Ende des Lebens angelangt sein. 2. Sie brauchen definitiv mehr als 1.500 € mtl. So wie ihr Leben ist, finden sie es nämlich ziemlich prima und sie haben sowohl den hohen Standard als auch eine gewisse Flexibilität zu schätzen gelernt.

Versicherungsjournal: Silver Ager

Mit einem Mal steht sie dann also recht weit oben, die Flexibilität als Anspruch an eine Altersvorsorge. Ich kann das gut nachvollziehen.

Wer der quasi 24-jährigen glaubt denn nun allen Ernstes, dass ihm Flexibilität später unwichtig ist?

Man wundert sich, warum es dann so viele Riester-Verträge gibt? Was genau ist an ein Mal, zu Beginn, dürfen bis zu 30% des Kapitals ausgezahlt werden, der Rest muss als Rente ausgezahlt werden, flexibel?

Warum halten viele junge Mensch es dem Anschein nach für eine gute Idee, erstmal vierzig Jahre und mehr Geld zu verdienen und selbst darüber zu entscheiden, was damit passiert, um sich später gegen alle Gewohnheit entmündigen zu lassen und sich das selbst Ersparte nur peau à peau zuteilen zu lassen?

Altersvorsorge-Missverständnis mit sich selbst

Ich glaube, dass die 24-jährigen da einem großen Missverständnis mit sich selbst in 40 Jahren unterliegen. Bedauerlicherweise funktioniert die Einflussnahme nur in eine Richtung. Wenn der 24-jährige im Sinne des 65-jährigen handelt, ist alles prima. Wenn nicht, wird der später 65-jährige aber keine Möglichkeit haben, den heute fast noch 24-jährigen ins Gebet zu nehmen.

Einem Missverständnis scheinen übrigens beide zu unterliegen. Die zweitbeliebteste Anlageform der Silver Ager ist nämlich die selbstbewohnte Immobilie. Das ist ja interessant. Die bewohnen also eine Immobilie und bekommen dafür Geld? Sonst wäre es ja keine Geldanlage.

Ich will überhaupt nicht behaupten, dass eine selbstbewohnte Immobilie nicht sinnvoll ist. Zumal, wenn sie glückselig macht, wer wollte davon abraten?

Ich wäre aber überaus erfreut, wenn nicht immer wieder behauptet würde, das sei eine Geldanlage. Immobilien sind dann eine Geldanlage, wenn man sie vermietet und man daraus Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung erzielt.

Verhältnismäßig bedenklich stimmen Nummer 1, 3, 4 und das Schlusslicht der Umfrage.

Anlageformen Silver Ager

Klassische Lebensversicherungen sind legaler Betrug.

Tagesgeld und Festgeld nett, um Geld zu parken, mit einer Altersvorsorge hat das aber nicht so richtig viel zu tun.

Ein Bausparvertrag funktioniert ja nun in der Regel gerade so, dass man auf Rendite verzichtet, um ein günstiges Darlehen zu bekommen. Als Vorsorge überzeugt das ebenfalls nicht wirklich.

„Keine“ Altersvorsorge ist besonders spannend. Ich empfehle, schon jetzt ordentlich Knäckebrot und Apfelsaftschorle zu bunkern.

Ferner empfehle ich meinen lieben ca. 24-jährigen: Macht Euch mal ein, zwei Gedanken zu weiter vorn auf dem Zeitstrahl. Ihr werdet Euch später dafür auf die Schulter klopfen.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dir mindestens Unterhaltung und bestenfalls einen Erkenntnisgewinn beschert! Er stellt selbstverständlich keine Beratung dar. Du möchtest aber gerne Beratung haben?
Dann melde Dich: per Mail beratung@finanzdiskurs.de oder Telefon +49 178 3484412

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